Das Leben nach dem Tod – Der bisherige Stand

Die Hinweise auf ein Leben nach dem Tod kommen bislang von den Religionen, den Nahtoderfahrungen und den Nachtodkontakten. Letztere kann man schnell anhaken, sie sind wenig überzeugend. Denn Tonbandstimmen oder Gerüche als zurückgekehrte Tote zu interpretieren, ist viel zu weit hergeholt. Wenn man nach einem Sturm einen Spaziergang macht, wird man einen umgestürzten Baum ja auch nicht als das Werk einer UFO-Besatzung betrachten. Eindrucksvoller sind die Nahtoderfahrungen, aber mit ihnen gibt es zwei große Probleme. Erstens zeigen sich praktisch die gleichen Nahtoderfahrungen in ganz anderen Situationen, wo die Menschen sich keineswegs körperlich an der Schwelle zum Tod befinden [14]. Zum Beispiel bei der Meditation oder bei großer Todesangst. Das weist eher auf eine Fehlfunktion des Gehirns als auf einen Blick ins Jenseits hin. Zweitens sind nur die Erinnerungen an die Nahtoderfahrungen bekannt. Erinnern kann man sich aber nur an das, was aufgrund der eigenen Gehirntätigkeit erlebt wurde. Wenn nach einem Herzstillstand, was einen Ausfall der Gehirntätigkeit bedeutet, von Nahtoderfahrungen berichtet wird, dann ist es sehr viel plausibler, dass sie von der noch vorhandenen Gehirntätigkeit kurz nach dem Herzstillstand bewirkt wurden, von einem letzten Aufbäumen des Gehirns.
Kommen wir jetzt zu den Religionen. Sie verkünden alle ein neues Leben nach dem Tod. Schauen wir uns zunächst an, was sie konkret dazu sagen.
Beginnen wir mit dem Christentum. Das Leben nach dem Tod wird an Jesus Christus festgemacht. Sein Grab war nach drei Tagen leer und er erschien seinen Jüngern mit einem Körper. Er musste also leiblich auferstanden sein. Tatsächlich war sein Grab ja auch leer. Das konnte ein paar Jahre später der Apostel Paulus, der Jesus gar nicht persönlich gekannt hat, sehr gut „verkaufen“. Was zum Erfolg des Christentums führte. Wir sterben zwar, so seine Botschaft, bekommen aber nach dem Tod beim Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung, wenn das Reich Gottes auf Erden kommt, einen neuen Körper. Der ist entscheidend verbessert und führt, falls man das Jüngste Gericht erfolgreich überstanden hat, zu einem viel schöneren Leben auf der neuen Erde, verbunden mit der Sicht auf die Herrlichkeit Gottes. Wobei die Auferstehung von Jesus gar nicht in dieses Konzept passte, denn die geschah ja fast direkt nach seinem Tod. Aber unabhängig davon ist die entscheidende Frage doch, ob die Auferstehung Jesus zeigt, dass es das Leben nach dem Tod wirklich gibt. Nein, das zeigt sie natürlich nicht, denn es sind auch alternative Deutungen möglich. Wie zum Beispiel, dass Jesus nur scheintot war [15].
Paulus und auch Jesus gingen davon aus, dass der Jüngste Tag sehr nahe ist, noch zu ihren Lebzeiten kommen wird. Aber die Jahrhunderte vergingen und nichts passierte. Es gab immer mehr Gräber mit zu Staub zerfallenen Körpern. Wie sollten aus ihnen neue Körper geschaffen werden? Selbst wenn Gott allmächtig ist, so schien das doch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Augustinus von Hippo (354 n. Chr. – 430 n.Chr.) fand dann eine halbwegs überzeugende Lösung. Er griff das Seelenkonzept des Platon (428 v.Chr. – 348 v.Chr.) auf. Der ging davon aus, dass wir eine unsterbliche Seele haben. Begründet hat er das damit, dass wir Einblick in die unvergängliche Welt der Formen haben. Daher muss unser „Ich“, also die Seele, auch unvergänglich sein und den Tod überdauern. Das Seelenkonzept löste für Augustinus das Problem des ausbleibenden Jüngsten Tags. Denn selbst wenn der Körper längst zerfallen ist, so ist doch die Seele noch völlig unversehrt vorhanden. Und es stellt kein Problem für Gott dar, aus ihr am Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung, einen neuen Körper zu formen. Ganz gleich, wie lange es noch bis dahin dauert.
Was aber passiert mit der Seele in der Zeit zwischen dem Tod und dem Tag der Auferstehung? Das ist nicht unumstritten, tatsächlich gibt es hierzu verschiedene Konzepte. Die Katholiken tendieren zum besonderen Gericht direkt nach dem Tod, wenn der Mensch nur aus der Seele besteht. Also kann auch sie schon in der Hölle schmoren oder in das Paradies einziehen. Hinzu kommt das Fegefeuer, das ist eine Art Läuterungsstätte für leichte bis mittelschwere Sünden. Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung dann noch das allgemeine Gericht am Tag der Auferstehung hat. Daher gibt es protestantische Theologen, die zur Ganztod-Theorie neigen. Gemäß ihr existiert keine Seele, man ist zunächst voll und ganz tot und wird am Tag der Auferstehung komplett neu erschaffen. Ein anderes Konzept besteht darin, dass man das allgemeine Gericht wegfallen lässt. Es herrscht also bezüglich der Zeit bis zur Auferstehung wenig Klarheit.
Wo befinden sich das Paradies und die Hölle? Gemäß den mittelalterlichen Vorstellungen war das Paradies „oben“, also im Bereich der Sonne, dem Mond und der Sterne. Daher auch die alternative Bezeichnung „Himmel“. Und die Hölle sollte „unten“ sein, also unterhalb der Erdoberfläche. Das lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Was also sagt die Kirche heute? Hierzu schrieb der vorherige Papst Benedikt XVI: „Der Himmel kann nicht räumlich bestimmt werden, weder außerhalb noch innerhalb unseres Raumgefüges. Er bedeutet vielmehr jene Weltmächtigkeit, die dem neuen Raum des Leibes Christi – der Communio der Heiligen – zukommt.“ Das wäre damit dann geklärt.
Die gemeinsame Auferstehung am Jüngsten Tag ist auch heute noch der zentrale und allgemein akzeptierte Kern der Vorstellung des Christentums bezüglich des Lebens nach dem Tod. Wobei nur etwa 10 % – 15 % der Christen in Deutschland an die Auferstehung glauben [16]. Überhaupt wird heutzutage wenig darüber in den christlichen Kirchen gelehrt und diskutiert. Vielmehr steht die Anleitung zu sozial-karitativem Verhalten im Mittelpunkt. Offensichtlich aber ist das kein Erfolgsrezept, wie man am massiven Rückgang der Kirchenmitglieder sieht.
Im Islam hat der Tod eine noch viel größere Bedeutung als im Christentum. Wobei der Weg ins Paradies drei Prüfungen umfasst. Die erste erfolgt direkt nach dem Tod, die zweite ähnelt der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht des Christentums, die dritte ist der Gang über eine spezielle Brücke. Sie ist „dünner ist als ein Haar und schärfer als ein Schwert“ und stellt den Vollzug des Urteils des Jüngsten Gerichts dar. Es ist also keine wirkliche Prüfung, da das Ergebnis feststeht. War das Urteil des Jüngsten Gerichts positiv, so gelangt der Verstorbene auf die andere Seite der Brücke, wo er in das Paradies eintritt. Die mit negativem Urteil aber stürzen in die Tiefe, wo sie die Hölle erwartet. Das Paradies wird im Koran, im Gegensatz zur Bibel, sehr detailliert beschrieben. Dazu die Sure 56: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahestehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen voll Wein, von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen.“
Für die Muslime muss das so sein, denn der Koran ist kein irdisches Buch, sondern kommt direkt von Allah, enthält also nur unantastbare und ewige Wahrheiten. Widerspricht etwas aus dem Koran den Naturwissenschaften, so ist für die Muslime klar, wer Recht hat.
Auch für die östlichen Religionen, das sind vor allem der Hinduismus und der Buddhismus, gibt es ein Leben nach dem Tod. Das ist aber ganz anders als das vom Christentum und vom Islam verkündete neue Leben. Es findet nämlich auf der Erde statt. Das ist das Konzept der Reinkarnation, des „wieder zu Fleisch werden“.
Gemäß dem Hinduismus besitzt der Mensch einen unsterblichen Feinkörper [17], der stellt die Persönlichkeit dar und wird im grobstofflichen Körper wiedergeboren. Innerhalb des Feinkörpers existiert das Selbst, das „Ich“, Atman genannt. Es ist mit der Seele vergleichbar, denn es ist unveränderlich und kann daher nicht sterben. Im Buddhismus gibt es zwar auch die Wiedergeburt, aber kein klares Seelenkonzept. Da stellt sich natürlich die Frage, was wiedergeboren wird. Also was von einem Körper in den anderen übergeht. Buddha (560 v. Chr. – 480 v. Chr.) selbst ist dieser Frage ausgewichen, denn die Seele würde zu einem Widerspruch führen, für Buddha war nämlich alles vergänglich.
Sowohl für den Hinduismus wie auch für den Buddhismus liegt die Ursache für die Wiedergeburten im Karma. Jede Handlung erzeugt Karma. Je nach Art der Handlung wird schlechtes oder gutes erzeugt. Am Ende des Lebens bestimmt der Charakter des angesammelten Karmas, also ob insgesamt schlecht oder gut, die Form der Wiedergeburt. Besonders schlechtes Karma kann auch zur Wiedergeburt als Tier, beispielsweise als Hund, führen. Aber auch wenn die Wiedergeburt als Prinz geschieht, es ist gar nicht erstrebenswert, denn kein irdisches Leben ist wirklich erfreulich. Daher ist es das oberste Ziel jedes Hindu und Buddhisten, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Auch besonders gutes Karma bewirkt das allerdings nicht, da das Karma als der „Brennstoff“ für die Wiedergeburt betrachtet wird. Der Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gelingt daher nur dann, wenn gar kein Karma mehr vorhanden ist. Das zu erreichen, ist sehr schwierig, wobei der Hinduismus und der Buddhismus verschiedene Wege dahin aufzeigen. Tendenzmäßig muss man sich von allem loslösen, denn jedes Handeln oder Denken erzeugt ja wieder neues Karma. Wenn das gelingt, dann tritt man in das Nirvana (Buddhismus) bzw. Moksha (Hinduismus) ein. Dort ist die Loslösung vollendet. Das ist nicht das Nichts, kommt dem aber sehr nahe. Man gebraucht hierfür Worte wie „anhaftungslose Ruhe“.
Ich denke, Sie stimmen mit mir darin überein, dass keines der von den wichtigsten Religionen gelieferten Konzepte zum Leben nach dem Tod überzeugend ist. Hinzu kommt, dass keine Begründungen geliefert werden. Also halbwegs plausible Weltbilder, aus denen das jeweilige Konzept für das Leben nach dem Tod zwangsläufig folgt. Die Konzepte sind vielmehr reine „Glaubenstraditionen“.
Die Naturwissenschaften tun sich da viel leichter. Aus ihrem heutigen Weltbild folgt, dass ein Leben nach dem Tod völlig unmöglich ist. Denn erstens kann von einer Seele keine Rede sein, die ist aber gemäß allen religiösen Konzepten (bis auf die unklare Situation beim Buddhismus) eine unbedingt notwendige Voraussetzung für das Leben nach dem Tod. Was eine durchaus vernünftige Vorstellung darstellt, denn „etwas von uns“ muss hierfür den Tod überdauern. Hinzu kommt beim Christentum und Islam, dass ein Jenseits nötig ist und so etwas gibt es gemäß dem heutigen Weltbild der Naturwissenschaften nicht. Allerdings hat es einen Riesenschwachpunkt, das ist die völlig fehlende Erklärung für das Bewusstsein. In diesem Buch zeige ich, wie man das Weltbild der Naturwissenschaften ergänzen muss, damit die Erklärung des Bewusstseins gelingt. Diese Ergänzung, also die HIW, führt zu einem ganz neuen Konzept für das Leben nach dem Tod. Vor allem aber lässt es sich begründen.