Was ist Bewusstsein?

Dieser Abschnitt könnte eigentlich sehr kurz sein. Denn wir alle wissen, was Bewusstsein ist. Tatsächlich sollten wir alle Bewusstseins-Experten sein, denn wir kennen nämlich nichts Anderes, wir kennen nur unser Bewusstsein. Im traumlosen Tiefschlaf oder während einer Narkose, wenn das Bewusstsein verschwindet, kennen wir gar nichts, wir wissen dann nicht, dass wir existieren. Sollte mit dem Tod das Bewusstsein für immer verschwinden, dann wäre dies das Ende unserer Existenz. Wie ich noch zeigen werde, ist das aber nicht der Fall.
Da Bewusstsein das Einzige ist, das wir kennen, ist es auch das Einzige, dessen wir uns völlig sicher sind. Daher sagte schon René Descartes: „Ich denke, also bin ich“. Damit meinte er, dass alles in Frage gestellt werden kann, nur unser Bewusstsein nicht.
Betrachten Sie ihr Bewusstsein. Wie würden Sie es charakterisieren? Das ist gar nicht so einfach. Üblicherweise spricht man von einem subjektiven Erleben oder von subjektiven Erfahrungen. Ich bevorzuge in diesem Buch den Ausdruck „Erleben“. Damit meine ich all das, was im Bewusstsein auftaucht. Dabei handelt sich nicht nur um das, was von den Sinnesorganen und vom Körper kommt, es umfasst auch alle Erinnerungen und eher abstrakten Gedanken. Hinzu kommen die Gefühle und Emotionen. Das Erleben ist deshalb subjektiv, weil es die Sicht es Erlebenden darstellt. Man kann es nicht objektiv messen. Ein Beispiel: Zwei Menschen sitzen am Strand und erleben das gleiche Rot des Sonnenuntergangs. Allerdings ist das Erleben nie auf nur einen Aspekt beschränkt. Neben dem Rot des Sonnenuntergangs tauchen noch viel mehr Aspekte auf und die hängen von der aktuellen Lebenssituation und den Erfahrungen der Vergangenheit ab. Dazu zurück zu den beiden Betrachtern des Sonnenuntergangs. Der eine ist eine Physikerin und sie überlegt, warum im von den Augen wahrgenommenen Spektrum der elektromagnetischen Strahlung, die von der Sonne kommt, das Rot dominiert. Der andere hingegen wird melancholisch, denkt an seine Ex-Freundin, mit der er so oft gemeinsam abends am Strand saß. Sie sehen, die beiden Bewusstseinszustände sind sehr unterschiedlich, trotz des gleichen Inputs von den Sinnesorganen. Den Input kann man objektiv messen, aber niemals das aus ihm sich ergebende subjektive Erleben.
Unser Bewusstsein ist zweifellos eng mit der Aktivität des Gehirns verbunden. Aber wie erzeugt das Gehirn das mit dem Bewusstsein verbundene Erleben? Das ist immer noch völlig unklar. Zweifellos ist das eines der größten Mysterien überhaupt. Der Philosoph David Chalmers prägte hierfür 1995 den Begriff des „harten Problems des Bewusstseins“.
Warum erlebe ich Schmerzen, wenn ich mir mit einer Nadel in den Finger steche? Die Neurowissenschaftler können einiges zu den Prozessen sagen, die dabei im Gehirn ablaufen. Aber sie haben nicht die geringste Ahnung, warum es dabei weh tut.
Dem harten Problem stellt Chalmers die einfachen Probleme gegenüber. Da geht es um alle Gehirnphänomene, die nichts mit dem Erleben zu tun haben, also Dinge wie Lernen oder das Gedächtnis. Bei ihnen machen die Neurowissenschaften deutliche Fortschritte. Das sind zwar keine wirklich einfachen Probleme, aber man kann sie mit normalen wissenschaftlichen Methoden angehen. Beim harten Problem hingegen funktionieren diese Methoden nicht.
Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Eine Frage des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel aus dem Jahre 1974. Die Frage ist deswegen interessant, weil die Fledermäuse ein Sinnesorgan besitzen, das es bei uns Menschen nicht gibt: Sie benutzen Schallwellen, um sich in der Dunkelheit zu orientieren. Sie analysieren die Echos der von ihnen abgegebenen Schallwellen und erfahren so etwas über ihre Umgebung. Falls sie Bewusstsein haben, dann sollte ihr Erleben der Umgebung durch die Echos der Schallwellen ein uns völlig unbekanntes Erleben sein.
Unser Bewusstsein stellt stets eine Einheit dar. Wobei es da eine Ausnahme gibt. Wir haben zwei Gehirnhälften, die unterschiedlichen Aufgaben dienen. Aber sie sind eng miteinander verbunden. Bei Patienten mit schweren epileptischen Anfällen wurde früher, heute nur noch selten, als letzte Lösung zur Verminderung der Symptome die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften chirurgisch getrennt. Was erstaunlicherweise nur wenig Auswirkungen auf das Verhalten der Patienten hatte. Aber es gab doch starke Hinweise, dass die Einheit des Bewusstseins nur noch eingeschränkt vorhanden war, dass es sich mehr um eine „Zweiheit“ handelte.
Wie schon festgestellt, beschäftigen sich die Neurowissenschaftler mit den „einfachen Problemen“. Dazu gehört das, was man als die Korrelate des Bewusstseins bezeichnet. Das diskutiere ich ausführlich im übernächsten Abschnitt. Die Korrelate des Bewusstseins sind Merkmale bei der Gehirnaktivität, die zeigen, dass sie mit Bewusstsein verbunden ist. Tatsächlich wurden hierzu in den letzten Jahren durchaus bemerkenswerte Fortschritte erzielt [9]. Die meisten Neurowissenschaftler meinen übrigens, dass sie, wenn sie einmal die Korrelate des Bewusstseins vollständig verstanden haben, dann auch das harte Problem lösen werden. Das bezweifle ich, denn es klafft zwischen den Korrelaten und dem harten Problem eine riesige Lücke, die mit den Methoden der Neurowissenschaftler niemals überbrückt werden kann. Eine Ergänzung des naturwissenschaftlichen Weltbildes ist vielmehr nötig, wozu ich hier in diesem Buch einen Vorschlag mache.
Jetzt zu den Philosophen. Wie ich schon im vorigen Kapitel erläutert habe, unterscheiden sie zwischen dem Monismus und dem Dualismus. Ich will es nochmals wiederholen. Der Monismus besagt, dass sich das Bewusstsein auf die Materie zurückführen lässt, es ist eine Eigenschaft der Materie. Dem gegenüber steht der Dualismus, der auf René Descartes zurückgeht. Ihm zufolge sind Geist (= Bewusstsein) und Materie zwei völlig verschiedene Dinge. Die Materie ist ausgedehnt, man kann sie mit den Sinnen wahrnehmen. Der Geist ist nicht ausgedehnt, man kann ihn daher auch nicht direkt wahrnehmen. Der Dualismus spielt heute nur noch eine Außenseiterrolle. Das liegt an seinem großen Schwachpunkt. Er kann nämlich nicht erklären, wie der Geist, also das Bewusstsein, so wie das im Gehirn geschieht, mit der Materie wechselwirkt.
Die Standardversion des Monismus ist der Physikalismus. Er besagt, dass die gesamte Realität von der Physik erfasst wird. Daher ist auch das Bewusstsein ein physikalisches Phänomen. Schon sind wir beim zentralen Dilemma des Physikalismus: Nirgends in der Physik ist vom Bewusstsein die Rede. Andererseits lässt die Physik, so die Annahme des Physikalismus, nichts von der Realität aus. Aber es ist völlig unklar, wie sich mittels der Physik unser mit dem Bewusstsein verbundenes Erleben, wie zum Beispiel das Rot eines Sonnenuntergangs, erklären lässt. Was sagen die Verfechter des Physikalismus dazu? Wir sind noch nicht soweit. Wir müssen noch mehr über die Physik lernen, dann wird auch irgendwann das harte Problem gelöst werden. So wie wir ja auch gelernt haben, wie Lebewesen funktionieren. Das war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gleichfalls ein „hartes Problem“.
Könnte es Zombies geben? Damit meinen die Philosophen Menschen, die sich durch nichts von uns unterscheiden. Außer, dass sie kein Bewusstsein besitzen. Ich, Dieter Schuster, weiß, dass ich Bewusstsein habe. Und unterstelle, dass das auch für alle anderen Menschen gilt. Aber ist das zwingend? Möglicherweise bin ich der einzige Mensch mit Bewusstsein und alle anderen Menschen sind Zombies. Das ist zwar äußerst unwahrscheinlich, aber lässt es sich völlig ausschließen? Aus philosophischer Sicht jedenfalls nicht, ansonsten würde man nicht so viel darüber diskutieren. Wenn es Zombies gäbe, dann wäre das ein Argument gegen den Physikalismus. Denn Zombies sollen sich ja physikalisch nicht von den Menschen mit Bewusstsein unterscheiden. Wenn es Zombies gäbe, dann wäre Bewusstsein nicht in der Physik enthalten. Das würde der Annahme des Physikalismus widersprechen. In diesem Kapitel liefere ich die Erklärung für unser menschliches Bewusstsein und sie zeigt das Erwartete: Zombies sind unmöglich.
Wie ich schon weiter oben gesagt habe, ist der Physikalismus die Standardversion des Monismus. Meine Hypothese der inneren Welt (HIW) basiert auf einer Variante des Monismus, die sich Zwei-Aspekte-Monismus nennt. Die Materie hat demnach zwei Aspekte. Der eine ist der physikalische, der andere ist die intrinsische Natur der Materie. Den physikalischen Aspekt nenne ich die Software-Materie, den intrinsischen die Hardware-Materie. Es gibt den gemäßigten und den radikalen Zwei-Aspekte-Monismus. Für den gemäßigten stellt die Hardware-Materie Proto-Bewusstsein dar, für den radikalen ist sie bereits Bewusstsein. Wobei beide Varianten ein riesiges bislang völlig ungelöstes Problem haben, das ist das Kombinations-Problem. Denn gemäß dem Zwei-Aspekte-Monismus hat bereits jedes Elementarteilchen Bewusstsein. Wir sollten also eine unermessliche Zahl von Mikro-Bewusstseinen haben und es ist absolut unerklärlich, wie sie sich zu unserem einheitlichen Bewusstsein vereinigen.
Die HIW liefert eine dritte Variante und damit lässt sich, wie ich in diesem Kapitel zeigen werde, das Kombinations-Problem sehr wohl lösen.