Das Grundprinzip des Bewusstseins

Der Zwei-Aspekte-Monismus besagt, dass bereits ein Wasserstoffatom Bewusstsein hat. Was bedeutet das? Betrachten wir hierzu unser menschliches Bewusstsein, das ist ja das einzige, das wir kennen. Zweifellos haben Sie gerade Bewusstsein. Das bedeutet zweierlei. Erstens gibt es für Sie ein Erleben, gemeint damit ist all das, was in Ihrem Bewusstsein auftaucht. Im Mittelpunkt Ihres Erlebens sollte gerade aktuell das Lesen dieser Zeilen stehen. Zweitens kann man das Erleben einem Objekt zuordnen, das ist Ihr Gehirn. Nennen wir das Objekt den Erlebenden. Zurück zum Wasserstoffatom. Dass es Bewusstsein hat, bedeutet also, dass es etwas erlebt und dass es ein Erlebender ist.
Was ist das Erleben des Wasserstoffatoms? Gemäß des Zwei-Aspekte-Monismus erwächst es aus der intrinsischen Natur des Wasserstoffatoms. Die radikale Variante besagt, dass die intrinsische Natur selbst den Inhalt des Bewusstseins, also das Erleben, darstellt. Was bedeutet, dass der Erlebende und das Erleben identisch sind. Der Erlebende erlebt sich selbst. Die gemäßigte Variante ist weniger klar. Sie besagt, dass die intrinsische Natur Proto-Bewusstsein ist. Es bleibt unklar, was das sein soll. Jedenfalls wird es erst durch einen Prozess, der völlig in Dunkeln liegt, zu Bewusstsein. Beide Varianten haben ein riesiges Problem, das ist das eben erläuterte Kombinations-Problem. Gemäß der radikalen Variante stellt das Bewusstsein einen Zustand dar. Ich bin davon überzeugt, dass sich mittels eines Zustands das Kombinations-Problem nie wird lösen lassen, weil zwischen Zuständen und den Aktivitäten des Gehirns keine Verbindung hergestellt werden kann. Die gemäßigte Variante ist da besser, da Bewusstsein bei ihr durch einen Prozess entsteht und den kann man leichter mit den Gehirn-Aktivitäten in Verbindung bringen. Aber dazu müsste man erst einmal den Prozess kennen und hierfür gibt es keinerlei Ansätze. Wobei die Anhänger des Zwei-Aspekte Monismus betonen, dass alle diese Probleme leichter zu lösen seien als das harte Problem des Physikalismus.
Die HIW führt zu einer dritten Variante und mit ihr lässt sich das Kombinations-Problem sehr wohl lösen. Hier in diesem Abschnitt stelle ich zunächst einmal das von der dritten Variante gelieferte Grundprinzip des Bewusstseins vor. Das Kombinations-Problem tritt bei der Anwendung des Grundprinzips auf das menschliche Gehirn auf, daher diskutiere ich seine Lösung im entsprechenden Abschnitt später in diesem Kapitel.
Hier nun die dritte Variante. Wenn sich ein Software-Wasserstoffatom neu bildet, dann bedeutet das eine neue räumliche Beziehung. Die wird „eingefaltet“ und so zu einer neuen inneren Beziehung des Hardware-Wasserstoffatoms (= intrinsische Natur). Es wird dadurch verändert und das ist genau das, was Bewusstsein erzeugt. Das Hardware-Wasserstoffatom ist der Erlebende und der Inhalt des Bewusstseins, also das, was es erlebt, ist die neue innere Beziehung. Man kann es aus der Sicht des Hardware-Wasserstoffatoms auch so formulieren: „Ich erlebe das, was mich verändert“. Das ist das Grundprinzip des Bewusstseins. Es gilt natürlich nicht nur für ein sich neu bildendes Software-Wasserstoffatom, sondern für alle sich neu bildenden Software-Atome und -Moleküle. Im Moment der Neubildung wird das dazugehörige Hardware-Atom oder -Molekül aufgrund des Einfaltungsvorgangs verändert. Denn es kommt bei ihm etwas Neues in Form von neuen inneren Beziehungen hinzu. Das erzeugt Bewusstsein. Das Hardware-Atom oder -Molekül (= intrinsische Natur) ist der Erlebende und es erlebt die neuen inneren Beziehungen. Das stellt ein extrem kurzzeitiges Erleben dar, denn der Veränderungsprozess ist sehr schnell beendet. Und wenn keine Veränderung mehr stattfindet, verschwindet auch das Bewusstsein. Man kann daher sagen, dass bei jedem sich neu bildenden Software-Atom oder -Molekül das dazugehörige Hardware-Atom oder -Molekül einen „Bewusstseinsblitz“ erfährt. Der Inhalt des Bewusstseinsblitzes, also das Erleben, ist nicht-räumlich. Der Erlebende ist zwar auch nicht-räumlich, allerdings an das sich neu bildende Software-Atom oder -Molekül und damit an die räumliche Welt angebunden. Das gilt auch für unser menschliches Bewusstsein und macht es so merkwürdig. Denn einerseits scheint unser Erleben tatsächlich nicht-räumlich zu sein, andererseits aber ist es im Gehirn lokalisiert. Das Grundprinzip des Bewusstseins kann dies erklären.
Auch bei der radikalen Variante des Zwei-Aspekte-Monismus ist der Erlebende die intrinsische Natur. Gemäß ihr soll das Erleben identisch mit dem Erlebenden sein. Gemäß der aus der HIW folgenden dritten Variante ist es nicht die intrinsische Natur selber, die das Erleben darstellt. Vielmehr wird das erlebt, was die intrinsische Natur verändert, das sind die neuen inneren Beziehungen. Bei der radikalen Variante ist das Bewusstsein ein Zustand. Damit wird sich meiner Meinung nach das Kombinations-Problem nie lösen lassen. Bei der dritten Variante wird das Bewusstsein von einem Prozess erzeugt, dem Einfaltungsvorgang. Auch die gemäßigte Variante nimmt einen Prozess an, jedoch bleibt er völlig unklar. Wie ich noch zeigen werde, lässt sich eine Verbindung zwischen dem bewusstseinserzeugenden Prozess der dritten Variante, dem Einfaltungsvorgang, und der Gehirnaktivität herstellen. Damit kann das Kombinations-Problem gelöst werden.
Erlebt werden die neuen inneren Beziehungen. Zu ihnen selbst kann die HIW nichts sagen, sie ist wie die gesamte intrinsische Natur der Physik nicht zugänglich. Nur über unser menschliches Bewusstsein können wir etwas über sie erfahren, das war ja auch genau der Ausgangspunkt von Bertrand Russell in seinem Essay „Mind and Matter“. Wobei er die gesamte intrinsische Natur meinte. Gemäß der dritten Variante erfahren wir mittels unseres menschlichen Bewusstseins allerdings nur etwas über die neuen inneren Beziehungen. Also nur über einen Teil der intrinsischen Natur. In unserem Gehirn, ich greife da etwas vorweg, werden ständig neue räumliche Beziehungen und damit neue innere Beziehungen in unermesslicher Zahl erzeugt. Sie sind die winzigen Bausteine unseres Bewusstseins und das Gehirn setzt sie zu unserem strukturierten und einheitlichen Bewusstsein zusammen. Wenn Sie eine rote Kugel betrachten, dann taucht sie in Ihrem Bewusstsein auf. Sie erleben die rote Kugel und sowohl das „Rot“ als auch die „Kugel“ setzen sich aus inneren Beziehungen zusammen. Es gibt große Unterschiede bei den räumlichen Beziehungen und die führen zu großen Unterschieden bei den inneren Beziehungen. Das „Rot“ wird daher aus ganz anderen inneren Beziehungen als die „Kugel“ gebildet.
Der Zwei-Aspekte-Monismus ist eng verwandt mit dem Panpsychismus. Der sagt, dass alles Bewusstsein hat, auch schon ein Elementarteilchen. Das stimmt nicht ganz, denn Elementarteilchen haben niemals Bewusstsein. Zwar können sich Software-Elementarteilchen neu bilden, das geschieht zum Beispiel massenhaft bei den Experimenten beim LHC (Large Hadron Collider) in Genf. Aber ihre Neubildung führt nicht zu neuen räumlichen Beziehungen. Daher gibt es keine Einfaltungsvorgänge. Was bedeutet, dass die Hardware-Elementarteilchen niemals verändert werden. Dadurch kennen sie kein Bewusstsein.
In den ersten Augenblicken nach dem Urknall war das Universum daher noch ohne Bewusstsein. Denn es wurden nur die Elementarteilchen erzeugt. Es tauchte erst auf, als es zu den ersten zusammengesetzten Objekten kam. Zum Beispiel zu den Protonen und den Neutronen, sie bestehen aus je drei Quarks. Denn mit den ersten zusammengesetzten Objekten kam es auch zu neuen räumlichen Beziehungen und damit zu bewusstseinserzeugenden Einfaltungsvorgängen.
Könnte unser Universum in ferner Zukunft auch wieder ohne Bewusstsein sein? Dafür spricht, dass sich die räumliche Welt beschleunigt ausdehnt, daher wird sie sich wohl niemals wieder zusammenziehen. Was bedeutet, dass es keinen neuen Urknall und damit keinen Neustart geben wird. Vielmehr wird alle Aktivität irgendwann zu Ende gehen. Ohne Aktivität in der räumlichen Welt gibt es aber kein Bewusstsein. Im letzten Kapitel bringe ich allerdings ein Argument, warum es doch anders sein könnte.
Manche behaupten, dass Bewusstsein eine Begleiterscheinung unseres komplexen Gehirns darstellt. Also erst spät in der Evolutionsgeschichte in Erscheinung trat. Diese Sicht ist völlig falsch. Bewusstsein ist eine absolut fundamentale Eigenschaft unseres Universums. Es spiegelt den Gedächtnischarakter der inneren Welt wider. Denn genau der das Gedächtnis bewirkende Archivierungsvorgang (= Einfaltungsvorgang) erzeugt Bewusstsein.