Wie unser Bewusstsein entsteht

Wie weiter oben erläutert, hat schon jedes sich neu bildende Atom im Moment seiner Neubildung Bewusstsein. Denn es nimmt die auftauchenden Abbilder aus der inneren Welt wahr. Es nimmt sie deshalb wahr, weil es von ihnen verändert wird. Indem sie seine Superpositionszustände erzeugen. Das ist das Grundprinzip des Bewusstseins. Es gilt selbstverständlich nicht nur für Atome, sondern auch für Moleküle.
Nicht nur im Gehirn, sondern überall im menschlichen Körper werden ständig Moleküle in riesiger Zahl neu gebildet. Und alle haben im Moment ihrer Neubildung Bewusstsein. Daher sollten wir ein Ganzkörper-Bewusstsein besitzen, bestehend aus der Gesamtheit der Mini-Bewusstseins aller sich im ganzen Körper jeweils neu bildenden Molekülen. Unser Bewusstsein ist aber völlig anders. Erstens ist es im Gehirn konzentriert und nicht über den ganzen Körper verteilt. Und zweitens ist es hochgradig strukturiert. Wohingegen das Ganzkörper-Bewusstsein zu einem Informationsbrei führen sollte. Das ist zu klären.
Fragen wir uns zunächst, was die sich neu bildenden Moleküle sind, die im Gehirn das Bewusstsein bewirken. Da drängt sich etwas auf: die Synapsen. Sie sitzen in den Verbindungsleitungen zwischen den Neuronen und sind kleine Verdickungen mit einem Spalt. Es gibt sie in riesiger Zahl, auf ein Neuron kommen etwa 1000 Synapsen. Trifft ein elektrischer Impuls auf eine von ihnen, so kann er sie aufgrund des Spalts nicht überwinden. Er setzt aber kleine Moleküle frei, die sogenannten Neurotransmitter. Diese durchqueren den Spalt und docken auf der anderen Seite an riesige Moleküle, die Rezeptormoleküle, an. Das wiederum löst eine elektrische Erregung aus, die sich weiter fortpflanzt in Richtung des nächsten Neurons. So hat der elektrische Impuls den Spalt letztlich doch überwunden. Das Andocken der Neurotransmitter an die Rezeptormoleküle bewirkt ihre Neubildung. Denn die Neurotransmitter reagieren mit ihnen, und es entstehen vergrößerte Rezeptormoleküle. Die haben eine andere Form als die ursprünglichen Rezeptormoleküle. Diese veränderte Form löst zahlreiche Effekte aus. Der wichtigste ist die erwähnte elektrische Erregung.
Jedes Rezeptormolekül hat im Moment seiner Neubildung Bewusstsein. Aber sie sind überall im Gehirn vorhanden. Warum wird dann unser Bewusstsein nur von den Rezeptormolekülen des Bewusstseins-Netzwerks erzeugt? Es weist ein Alleinstellungsmerkmal auf, denn es gibt in ihm einen Verstärkungseffekt. Der kommt davon, dass stets ein Teil seiner Neuronen synchron feuert. Das führt dazu, dass sich die Rezeptormoleküle in ihren Verbindungsleitungen alle gleichzeitig neu bilden. Dadurch kommt es zum gleichzeitigen Auftauchen der entsprechenden passenden Abbilder aus der inneren Welt. Die sich, da sie nicht vollständig lokalisiert sind, überlagern und so gegenseitig verstärken.
Aufgrund dieses Verstärkungseffekts dominieren die im Bewusstseins-Netzwerk auftauchenden Abbilder in unserem Bewusstsein. Alle anderen sich nicht-synchron neu bildenden Rezeptormoleküle im Gehirn und alle im übrigen Körper sich neu bildenden Moleküle führen zwar ebenfalls zu Bewusstsein, das wird aber vom Verstärkungseffekt des Bewusstseins-Netzwerks völlig überdeckt.
Die Erklärung des Bewusstseins mittels der auftauchenden Abbilder löst das oben angesprochene Bindungsproblem. Kommen wir hierzu wieder zum Beispiel der roten Kugel zurück. Wenn Sie sie betrachten, dann werden zwei Module im Gehirn aktiv. Eines für die Kugel, das andere für das Rot. Die des Moduls „Kugel“ bewirken im Bewusstsein die Kugel, die des Moduls „Rot“ das Rot. Wie kommt es zur Einheit der roten Kugel? Für die Neurowissenschaftler war das bislang ein Problem, das Bindungsproblem, da ja die beiden Module „Kugel“ und „Rot“ im Gehirn räumlich getrennt sind. Mit den auftauchenden Abbildern aus reiner Information ist dieses Problem vom Tisch. Denn die Neuronen in den beiden Modulen feuern synchron, dadurch tauchen die Abbilder in ihnen gleichzeitig auf. Und da sie nicht vollständig im Raum lokalisiert sind, vereinigen sie sich zur roten Kugel.
Der Verstärkungseffekt aufgrund des synchronen Feuerns der Neuronen erklärt zwar, warum das Bewusstseins-Netzwerk dominiert. Er erklärt aber nicht die Strukturierung des Bewusstseins. Denn wenn Sie vor sich eine rote Kugel und einen blauen Würfel nebeneinander auf dem Tisch liegen sehen, dann sind die rote Kugel und der blaue Würfel in Ihrem Bewusstsein getrennt. Würden die bewusstseins-bildenden Neuronen alle völlig synchron feuern, dann gäbe es in Ihrem Bewusstsein eine Überlagerung der roten Kugel und des blauen Würfels und keine Trennung der beiden Objekte.
Das Gehirn ist aber raffinierter. Denn wie schon erläutert, feuern die Neuronen des Bewusstseins-Netzwerks nach Art eines Orchesters. Das bedeutet, dass sie nicht alle synchron feuern, sondern zeitlich fein abgestimmt. Wenn Sie die rote Kugel und den blauen Würfel betrachten, dann sind vier Module aktiv. Zwei für die Formen „Kugel“ und „Würfel“, und zwei für die Farben „Rot“ und „Blau“. Die Module „Kugel“ und „Rot“ feuern völlig synchron, daher sehen sie die rote Kugel und nicht „Rot“ und „Kugel“ getrennt. Gleiches gilt für den blauen Würfel. Woher aber kommt die Trennung zwischen der roten Kugel und dem blauen Würfel? Die Ursache hierfür besteht darin, dass die Module der roten Kugel und des blauen Würfels zeitlich zueinander versetzt feuern. Das bewirkt die Trennung der roten Kugel und des blauen Würfels im Bewusstsein. Es ist genau dieses Prinzip der zeitlichen Abstimmung, das zu unserem strukturierten Bewusstsein führt.