Das Bewusstsein der Tiere

Alle sich bildenden Atome und Moleküle haben im Moment ihrer Bildung einen sehr kurzen Bewusstseinsblitz. Dadurch haben natürlich alle Lebewesen Bewusstsein, auch die Bakterien. Denn sie sind voller Aktivität, es bilden sich Moleküle in riesiger Zahl. Aber unser menschliches Bewusstsein stellt eine ganz andere Qualität von Bewusstsein dar, denn es wird erzeugt von der zeitlich abgestimmten Bildung der Moleküle im Bewusstseins-Netzwerk des Gehirns. Es stellt sich also die Frage, wie das Bewusstsein der Tiere aussieht, die über ein Gehirn verfügen.
Die primitivsten Gehirne haben die Würmer und Insekten. Sie bestehen aus sehr viel weniger Neuronen, etwa einer Million. Der Mensch hat 100 Milliarden, also 100.000 Mal so viele. Außerdem ist es sehr fraglich, ob es beim Feuern ihrer Neuronen eine zeitliche Abstimmung gibt. Daher haben Würmer und Insekten nur ein äußerst schwach ausgeprägtes Bewusstsein, in keiner Weise vergleichbar mit unserem menschlichen Bewusstsein.
Interessanter wird es bei den Wirbeltieren, zu denen die Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und die Säugetiere inklusive des Menschen gehören. Denn ihre Gehirne sind alle ähnlich konzipiert. Es gibt den Hirnstamm, der alle lebenserhaltenden Funktionen wie zum Beispiel die Atmung steuert. Das Kleinhirn ist für die Koordination der Bewegungen zuständig. Wir wissen, dass Kleinhirn und Hirnstamm nicht zum Bewusstsein beitragen. Wichtig hierfür ist ausschließlich das Vorderhirn, denn es dient anspruchsvollen Aufgaben wie der Planung und dem Entscheiden. Wobei es beim Vorderhirn bei den Wirbeltieren die größten Unterschiede gibt. Insbesondere bei der äußeren Schicht des Vorderhirns, das ist der Kortex. Den haben nur die Säugetiere und er spielt eine sehr wichtige Rolle beim Bewusstseins-Netzwerk. Daher kann man davon ausgehen, dass alle Fische, Amphibien, Reptilien und Vögel keine Bewusstseins-Netzwerke mit zeitlicher Abstimmung aufweisen. Ihr Bewusstsein ist somit gering ausgeprägt, hat keine Ähnlichkeit mit unserem menschlichen Bewusstsein.
Beim Menschen ist der Kortex stark gefaltet, sonst würde er nicht in den Schädel passen. Könnte man ihn glätten, so hätte er die Fläche von vier DIN-A4-Blättern. Er ist viermal so groß wie bei unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen. Bei der Ratte hingegen erreicht nur das Format einer Briefmarke. Zweifellos gibt es auch bei den Schimpansen Bewusstseins-Netzwerke mit zeitlicher Abstimmung. Sie sind aber erheblich kleiner. Trotzdem kann man sagen, dass ihr Bewusstsein unserem menschlichen Bewusstsein durchaus ähnlich ist, wenn auch schwächer. Das trifft natürlich noch viel stärker auf das Bewusstsein einer Ratte zu.
Interessant wird die Frage nach dem Bewusstsein bei den Elefanten und Walen. Denn ihre Gehirne sind erheblich größer als das menschliche Gehirn. Das relativiert sich zwar beim Kortex: Der Mensch hat ca. 12 Milliarden Kortex-Neuronen, die Elefanten und Wale (dazu gehören auch die Delphine) haben etwas weniger, etwa 11 bzw. 10 Milliarden. Aber die Differenz ist gering. Warum sind wir dann so viel schlauer? Man könnte zunächst vermuten, dass die menschlichen Kortex-Neuronen stärker verknüpft sind, aber das ist nicht sehr Fall, die Verknüpfungsdichte ist gleich. Und doch gibt es einen erheblichen Unterschied: Die Geschwindigkeit der elektrischen Impulse in den Verbindungsleitungen zwischen den Neuronen ist beim Menschen etwa drei Mal höher als bei den Elefanten und Walen.
Was bewirkt das? Wie wir gesehen haben, tritt die zeitliche Abstimmung bei den Bewusstseins-Netzwerken nicht sofort auf, die elektrischen Impulse müssen mehrfach hin- und herlaufen, bevor sich die zeitliche Abstimmung aufgebaut hat. Was das bedeutet, ist völlig klar: Je größer die Geschwindigkeit der elektrischen Impulse, desto größer können die Bewusstseins-Netzwerke sein. Und je größer die Bewusstseins-Netzwerke, desto schlauer ist man. Tatsächlich korreliert der Intelligenzquotient eines Menschen sehr stark mit der Geschwindigkeit seiner elektrischen Impulse. Daher sind die Bewusstseins-Netzwerke bei den Elefanten und Walen trotz der vergleichbaren Kortex-Größe viel kleiner als bei uns Menschen. Entsprechend schwächer ist auch ihr Bewusstsein. Aber es ist unserem Bewusstsein grundsätzlich durchaus ähnlich.