Das Konzept der Seele

Unser hochentwickeltes Gehirn bringt einen riesengroßen Nachteil mit sich. Im Gegensatz zu allen Tieren ist uns Menschen nämlich klar, dass wir eines Tages sterben werden. Andererseits ist es für uns aber völlig unvorstellbar, dass unsere Existenz irgendwann zu Ende geht. Als Ausweg aus diesem sogenannten Sterblichkeitsparadoxon gibt es ein uraltes Konzept: die Seele.
In der modernen wissenschaftlichen Welt wird der Begriff der Seele nicht mehr verwendet. Man verwendet stattdessen nur noch das altgriechische Wort für sie, das ist die Psyche. Darunter versteht man die Summe aller geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen.
Aber zwischen Psyche und Seele gibt es einen großen Unterschied. Bei der Psyche wird angenommen, dass sie aufs Engste mit dem Körper verbunden ist, dass also die geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale aus ihm hervorgehen. Es wird also unterstellt, dass der Physikalismus stimmt. Allerdings hat er einen großen Schwachpunkt, denn er kann auch nicht ansatzweise erklären, wie die geistigen Eigenschaften, also das Bewusstsein, aus dem Körper hervorgehen. Bei der Seele nimmt man hingegen an, dass sie etwas immaterielles Eigenständiges, vom Körper losgelöstes, darstellt. Aus ihr gehen die geistigen Eigenschaften hervor und sie repräsentiert die Identität jedes Menschen, also das „Ich“. Das kommt dem sehr nahe, was als der Dualismus bezeichnet wird. Dass also der Geist völlig anders ist als die Materie. Aber so wie der Physikalismus hat auch der Dualismus einen großen Schwachpunkt, denn er kann nicht zeigen, wie der Geist mit dem Körper wechselwirkt.
Es war Platon (428 – 347 v. Chr.), der die erste Theorie der Seele entwickelte. Demnach ist sie das wahre „Ich“ und kann auch unabhängig vom materiellen Körper existieren. Tatsächlich nannte Platon den Körper das „Grab der Seele“, eine Trennung von ihm ist erstrebenswert. Die Seele ist gottähnlich und herrscht über den Körper. Aufgrund ihrer Gottähnlichkeit ist sie unzerstörbar und hat daher ein ewiges Leben. Und sie hatte keinen Anfang, es gab sie also schon vor dem materiellen Körper.
Warum haben wir eine Seele? Platon begründet das damit, dass wir unvergängliche Ideen wahrnehmen können, insbesondere die perfekten Formen. Daher müssen wir etwas ihnen Wesensverwandtes besitzen und das ist die unvergängliche Seele. Gemäß Platon besteht sie aus drei Teilen. Den vernunftbegabten mit Sitz im Gehirn, den triebhaften mit Sitz im Unterleib und schließlich den muthaften mit Sitz in der Brust. Der muthafte Seelenteil ordnet sich leicht der Vernunft unter, der triebhafte widersetzt sich. Das ist nachvollziehbar. Übrigens gestand Platon auch den Tieren und Pflanzen eine Seele zu.
Was passiert mit der Seele nach dem Tod? Das schildert Platon in einigen Mythen. Betrachten wir beispielhaft die Apologie des Sokrates. Bekanntlich war Sokrates (469 – 399 v. Chr) der Lehrer Platons und dieser hat in seinen Werken typischerweise seine Gedanken Sokrates in den Mund gelegt. Gegen Sokrates wurde das Todesurteil verhängt, wegen schlechter Beeinflussung der Jugend und Missachtung der Götter. Seine Hinrichtung geschah durch den Schierlingsbecher. Er enthält das tödliche Gift einer Pflanze, dem Gefleckten Schierling, und stellte in der Antike eine durchaus übliche Hinrichtungsmethode dar. Die von Platon verfasste Apologie des Sokrates liefert seine Verteidigungsrede vor Gericht. Das Schicksal der Seele nach dem Tod wird von ihm optimistisch geschildert: Er geht davon aus, dass er im Totenreich bedeutende Persönlichkeiten trifft und erwartet, dass er dort gerecht behandelt wird. Im Gegensatz zu seiner ungerechten Behandlung durch die irdische Justiz.
Kommen wir jetzt zum Christentum. Es steht im Mittelpunkt meiner Ausführungen in diesem Abschnitt, da es noch die dominante Religion in Westeuropa ist. Das Leben nach dem Tod wird an Jesus Christus festgemacht. Sein Grab war nach drei Tagen leer und er erschien seinen Jüngern. Das konnte ein paar Jahre später der Apostel Paulus, der Jesus gar nicht persönlich gekannt hat, sehr gut „verkaufen“. Was zum Erfolg des Christentums führte. Wir sterben zwar, so seine Botschaft, bekommen aber nach dem Tod beim Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung, einen neuen Körper. Der ist entscheidend verbessert und führt, falls man das Jüngste Gericht erfolgreich überstanden hat, zu einem viel schöneren Leben im Himmel mit Sicht auf die Herrlichkeit Gottes.
Unterstellen wir, dass das Grab Jesu wirklich nach drei Tagen leer war. Zeigt dies, dass es das Leben nach dem Tod wirklich gibt? Nein, das ist nicht der Fall, denn es sind auch alternative Deutungen möglich. Wie zum Beispiel, dass Jesus nur scheintot war [21].
Jedenfalls stellte das Konzept der Auferstehung zunächst eine attraktive Alternative zum Konzept der Seele dar, sie war nicht mehr nötig. Aber bald kam es zu einem Problem. Denn Paulus und auch Jesus gingen davon aus, dass der Jüngste Tag sehr nahe ist, noch zu ihren Lebzeiten kommen wird. Doch die Jahrzehnte vergingen und nichts passierte. Es drängte sich daher mehr und mehr die Frage auf, was mit den Verstorbenen zwischen dem Tod und der Auferstehung passiert. So kam das Seelenkonzept des Platon ins Spiel. Es wurde mit dem Konzept der Auferstehung kombiniert. Das geschah ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. und setzte sich schließlich durch. Jeder Mensch hat, ganz gemäß Platon, neben seinem sterblichen Körper eine unsterbliche Seele, die unsere Identität, unser „Ich“, darstellt. Sie ist das, was das Leben zwischen Tod und Auferstehung bewirkt. Am Jüngsten Tag wird sie dann mit dem von Gott geschaffenen auferstandenen Körper vereinigt, dann beginnt das ewige Leben.
Wobei es die ganze Kirchengeschichte hindurch heftige Diskussionen darüber gab, wie es Gott gelingen kann, den alten Körper neu zu erschaffen. Schließlich sind am Jüngsten Tag die meisten alten Körper völlig zerfallen oder wurden verbrannt. Dass es Gott trotzdem gelingt, wird mit seiner Allmacht begründet. Aber es blieben und bleiben Zweifel. Das sieht man zum Beispiel daran, dass für Katholiken bis 1964 die Feuerbestattung verboten war. Weil die katholische Kirche wollte, dass am Jüngsten Tag noch möglichst viel vom Körper vorhanden ist.
Warum ist die Auferstehung überhaupt noch nötig, wenn doch schon die Seele für ein neues Leben genügt? Für Platon war die Seele für den Menschen entscheidend, sie genügte für sein „Ich“, für sein individuelles Wesen. Das Christentum sieht das anders. Der Mensch ist ein zusammengesetztes Wesen, die Seele allein macht ihn nicht komplett, auch der Körper gehört zu ihm und ist für das von Gott gewollte ewige Leben nach der Auferstehung unbedingt nötig.
Entscheidend sowohl für das Leben zwischen Tod und Auferstehung als auch für das Leben nach der Auferstehung sind die durch Gott erfolgten Richtersprüche. Es gibt einen direkt beim Tod. Der schickt die Seele in das Paradies oder den Hades. Je nachdem, ob man ein sündenfreies oder ein verwerfliches Leben geführt hat. Hinzu kommt noch das Fegefeuer, das gehört zum Hades. Es führt dazu, dass leichte bis mittelschwere Sünden beseitigt werden können.
In jedem Fall ist das Leben zwischen Tod und Auferstehung zeitlich begrenzt, denn irgendwann wird es ja zum Jüngsten Tag und der Auferstehung kommen. Dann erfolgt der zweite göttliche Richterspruch. Man kommt als jetzt kompletter Mensch aus Körper und Seele in die Hölle oder in den Himmel. Bezüglich des Unterschieds zwischen Hades und Hölle beziehungsweise Paradies und Himmel gab es in der Geschichte des Christentums ständig Diskussionen, wirklich geklärt wurde es aber nicht.
Wie die Belohnung im Himmel aussieht, ist für die Theologen völlig klar: Es ist die Gemeinschaft mit Gott. Das führt zur wahrhaften Glückseligkeit. Insgesamt hält sich das Christentum bei den Aussagen zum Leben im Himmel aber stark zurück. Eigentlich sagt sie nichts, was über die Gemeinschaft mit Gott hinausgeht.
Der Islam ist da ganz anders. In ihm hat der Tod eine noch viel größere Bedeutung als im Christentum. Wobei der Weg in den Himmel drei Prüfungen umfasst. Die erste erfolgt direkt nach dem Tod, die zweite ähnelt der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht des Christentums, die dritte ist der Gang über eine spezielle Brücke. Sie ist „dünner ist als ein Haar und schärfer als ein Schwert“ und stellt den Vollzug des Urteils des Jüngsten Gerichts dar. Es ist also keine wirkliche Prüfung, da das Ergebnis feststeht. War das Urteil des Jüngsten Gerichts positiv, so gelangt der Verstorbene auf die andere Seite der Brücke, wo er in den Himmel eintritt. Die mit negativem Urteil aber stürzen in die Tiefe, wo sie die Hölle erwartet. Der Himmel wird im Koran, im Gegensatz zur Bibel, sehr detailliert beschrieben. Dazu die Sure 56: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahestehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen voll Wein, von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen.“
Für die Muslime muss das so sein, denn der Koran ist kein irdisches Buch, sondern kommt direkt von Allah, enthält also nur unantastbare und ewige Wahrheiten. Widerspricht etwas aus dem Koran den Naturwissenschaften, so ist für die Muslime klar, wer Recht hat.
Zurück zur Seele. Wann entsteht sie eigentlich? Für Platon hatte sie keinen Anfang und kein Ende. Für das Christentum hat sie zwar kein Ende, aber sehr wohl einen Anfang. Hierfür gab es zunächst unterschiedliche Konzepte. Aber es setzte sich schließlich die Vorstellung durch, dass im Moment der Zeugung die Seele von Gott geschaffen wird.
Wie ist der auferstandene Körper beschaffen? Beim auferstandenen Jesus war das unklar. Einerseits hatte er einen echten Körper. Denn das Grab war leer, er aß gekochten Fisch und die Jünger konnten ihn berühren. Anderseits war sein Körper aber auch von geistiger Natur, denn er konnte durch verschlossen Türen gehen. Diese Doppelnatur zeigte sich auch bei den Diskussionen über die am Jüngsten Tag auferstandenen Körper der normalen Menschen.
Für Paulus war der Körper von geistiger Natur. Ab dem zweiten Jahrhundert kam es aber zu einem Wandel, es setzte sich die Vorstellung durch, dass der auferstandene Körper von materieller Natur ist. Das stellt sicher, dass wirklich derselbe Körper, der tugendhaft war, beziehungsweise Sünden begangen hat, auch die Belohnung bzw. Bestrafung hierfür erfährt. Auch wenn der auferstandene Körper materiell ist, so hat er doch nicht mehr die jetzigen Bedürfnisse. Er muss nicht essen und trinken und es gibt auch keinen Sex mehr. Hinzu kommt, dass er unsterblich ist. Es ist also in jedem Fall kein normaler materieller Körper. Zudem wird er bei positivem Richterspruch in den Himmel aufgenommen, den man sich zweifellos nicht als einen räumlichen Ort vorstellen darf. Sondern als eine Wirklichkeit jenseits der räumlichen Welt, die ja auch die Heimat Gottes sein muss. Daher bedeutet Auferstehung die Verwandlung in eine neue Seinsweise, die sich aber unserem Erkenntnisvermögen entzieht [22]. Der auferstandene Körper ist also zweifellos ein ganz anderer Körper als der jetzige. Aber er basiert, das ist ganz entscheidend, auf dem „Ich“ des irdischen Lebens. Was bewirkt, dass der identische Mensch ein ewiges Leben hat. Dazu dient das Seelenkonzept. Es sorgt dafür, dass die Identität eines Menschen den Tod überdauert und sich dann im neuen Körper wieder manifestieren kann.
Kommen wir noch kurz zu den östlichen Religionen, das sind vor allem der Hinduismus und der Buddhismus. Auch für sie gibt es ein Leben nach dem Tod. Das ist aber ganz anders als das vom Christentum und vom Islam verkündete neue Leben. Es findet nämlich auf der Erde statt. Das ist das Konzept der Reinkarnation, des „wieder zu Fleisch werden“.
Gemäß dem Hinduismus besitzt der Mensch einen unsterblichen Feinkörper [23], der stellt die Persönlichkeit dar und wird im grobstofflichen Körper wiedergeboren. Innerhalb des Feinkörpers existiert das Selbst, das „Ich“, Atman genannt. Es ist mit der Seele vergleichbar, denn es ist unveränderlich und kann daher nicht sterben. Im Buddhismus gibt es zwar auch die Wiedergeburt, aber kein klares Seelenkonzept. Da stellt sich natürlich die Frage, was wiedergeboren wird. Also was von einem Körper in den anderen übergeht. Buddha (560 v. Chr. – 480 v. Chr.) selbst ist dieser Frage ausgewichen, denn die Seele würde zu einem Widerspruch führen, für Buddha war nämlich alles vergänglich.
Sowohl für den Hinduismus wie auch für den Buddhismus liegt die Ursache für die Wiedergeburten im Karma. Jede Handlung erzeugt Karma. Je nach Art der Handlung wird schlechtes oder gutes erzeugt. Am Ende des Lebens bestimmt der Charakter des angesammelten Karmas, also ob insgesamt schlecht oder gut, die Form der Wiedergeburt. Besonders schlechtes Karma kann auch zur Wiedergeburt als Tier, beispielsweise als Hund, führen. Aber auch wenn die Wiedergeburt als Prinz geschieht, es ist gar nicht erstrebenswert, denn kein irdisches Leben ist wirklich erfreulich. Daher ist es das oberste Ziel jedes Hindu und Buddhisten, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Auch besonders gutes Karma bewirkt das allerdings nicht, da das Karma als der „Brennstoff“ für die Wiedergeburt betrachtet wird. Der Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gelingt daher nur dann, wenn gar kein Karma mehr vorhanden ist. Das zu erreichen, ist sehr schwierig, wobei der Hinduismus und der Buddhismus verschiedene Wege dahin aufzeigen. Tendenzmäßig muss man sich von allem loslösen, denn jedes Handeln oder Denken erzeugt ja wieder neues Karma. Wenn das gelingt, dann tritt man in das Nirvana (Buddhismus) bzw. Moksha (Hinduismus) ein. Dort ist die Loslösung vollendet. Das ist nicht das Nichts, kommt dem aber sehr nahe. Man gebraucht hierfür Worte wie „anhaftungslose Ruhe“.
Das Seelenkonzept und die gemeinsame Auferstehung am Jüngsten Tag sind auch heute noch der zentrale und allgemein akzeptierte Kern der Vorstellung des Christentums bezüglich des Lebens nach dem Tod. Wobei nur etwa 10 % – 15 % der Christen in Deutschland an die Auferstehung glauben, die Seele ist heute der bei ihnen vorherrschende Weg zur Unsterblichkeit [24]. Allerdings wird heutzutage wenig über das Leben nach dem Tod in den christlichen Kirchen gelehrt und diskutiert. Vielmehr steht die Anleitung zu sozial-karitativem Verhalten im Mittelpunkt. Offensichtlich aber ist das kein Erfolgsrezept, wie man am massiven Rückgang der Kirchenmitglieder sieht.
Tatsächlich ist das Konzept der Seele sehr reizvoll und daher in der Menschheit tief verwurzelt. Sie zeigt dem Menschen, dass er etwas Besonderes ist, mit dem Göttlichen verwandt. Die Seele umfasst alle Aspekte unseres Geistes und unserer Persönlichkeit. Wir sind daher nicht der Körper, wir sind die Seele. Und da sie unsterblich ist, löst sie das Sterblichkeitsparadoxon, das uns zumindest unbewusst weitestgehend beherrscht. Die Seele stellt ein wirksames Mittel gegen die Angst vor dem Tod dar. Daher glaubt ein hoher Prozentsatz an ihre Existenz, in Deutschland sind es 60 %.
Aber es gibt ein riesiges Problem für die Seele. Denn die Naturwissenschaften lehnen sie vehement ab. Allerdings haben sie einen großen Schwachpunkt, das ist die völlig fehlende Erklärung für das Bewusstsein. Ich habe gezeigt, wie man das Weltbild der Naturwissenschaften ergänzen muss, damit die Erklärung des Bewusstseins gelingt. Und wie ich jetzt zeigen werde, liefert diese Ergänzung, also die mit der räumlichen Welt aufs Engste verbundene innere Welt, auch die Begründung für die Existenz der Seele.