Das Leben nach dem Tod – der bisherige Stand

Wir Menschen zeichnen uns nicht durch den Körper aus, sondern durch das Gehirn. Es stellt das komplexeste Objekt dar, das wir kennen. Selbst der größte Computer ist, verglichen mit ihm, völlig primitiv. Es ermöglicht kluge Entscheidungen auch in unübersichtlichen Situationen und es erlaubt zielführende Planung. Das macht uns allen Tieren überlegen. Aber unser Gehirn hat auch einen riesengroßen Nachteil. Im Gegensatz zu allen Tieren ist uns Menschen nämlich klar, dass wir eines Tages sterben werden. Wir versuchen das zwar zu verdrängen, aber das gelingt nicht immer. Denn Angehörige und Freunde sterben und das zeigt uns die Vergänglichkeit unseres Körpers. Trotzdem können wir uns nicht vorstellen, dass wir irgendwann nicht mehr existieren werden. Denn für den Vorstellenden ist es nicht möglich, sich vorzustellen, dass es ihn nicht gibt. Oder wie sich der Dichter Edward Young ausdrückte [1]: Ein jeder hält einen jeden für sterblich – außer sich selbst.
Wir haben somit zwei Perspektiven. Einmal die objektive äußere Sicht. Sie bedeutet, dass uns klar ist, dass jeder einmal stirbt. Gleichzeitig aber gibt es noch die subjektive innere Sicht, für die der eigene Tod völlig unvorstellbar ist. Das nennt man auch das Sterblichkeitsparadoxon. Es folgt aus der menschlichen Natur, ist also absolut fundamental für unser Dasein. Bedeutet das für jeden von uns einen ständigen Kampf zwischen lähmender Verzweiflung und belebender Hoffnung? Begleitet von entsprechend schwankender Angst, die phasenweise in Panik ausartet? Tatsächlich ist es bei den meisten Menschen nicht so schlimm, sie haben die Angst unter Kontrolle. Das gelingt durch die schon erwähnte Verdrängung des Todes. Man versucht im „Jetzt“ zu leben, das Denken an den zukünftigen eigenen Tod zu vermeiden. Aber das gelingt nicht immer, denn um uns herum, zumindest in den Nachrichten, ist der Tod allgegenwärtig. Das bessere Konzept stellt daher die Annahme dar, dass es ein neues Leben nach dem Tod gibt. Das entschärft das Sterblichkeitsparadoxon, weil es den ersten Teil, also das Wissen um den eigenen Tod, dem zweiten Teil, seiner Unvorstellbarkeit, anpasst. Dadurch wird die Angst vor dem Tod massiv herabgesetzt. Hierzu hat die Menschheit zwei Konzepte entwickelt, die allerdings beide von den heute sehr mächtigen Naturwissenschaften nicht unterstützt werden. Was die Zweifel am Weiterleben und damit die Angst stärkt. Ich komme im letzten Kapitel, nachdem ich die beiden Szenarien für das Leben nach dem Tod vorgestellt habe, darauf zurück. Jetzt aber zu den beiden Konzepten. Das eine ist die unsterbliche Seele, das andere ist die Auferstehung. Die Existenz der Seele garantiert ein automatisches neues Leben, die Auferstehung erfolgt mit der Hilfe Gottes. Wobei es hierbei auch der Seele bedarf, allerdings hat sie dann eine andere Funktion, wie ich gleich erläutern werde.
Ohne die Seele ist ein Leben nach dem Tod daher nicht möglich. Aber wie schon festgestellt, hat sie heute ein großes Problem, denn sie lässt sich mittels der Naturwissenschaften nicht begründen. Trotzdem spielt sie nach wie vor eine dominante Rolle. In Deutschland glauben 60 % an ihre Existenz. Sie sind entweder davon überzeugt, dass schon die unsterbliche Seele alleine ein neues Leben garantiert. Oder sie gehen davon aus, dass es die Seelenwanderung, also die Reinkarnation, gibt. Das ist aktuell eine auch im Westen sehr populäre Vorstellung. Die Seele als Voraussetzung für die Auferstehung spielt hingegen nur eine Außenseiterrolle. Ich greife vorweg: In diesem Buch begründe ich, dass die Seele allein kein Leben führen kann, das funktioniert nur in Kombination mit einem (neuen) Körper. Und ich zeige, dass die Reinkarnation völlig unmöglich ist. Das einzige Konzept für ein neues Leben nach dem Tod stellt daher die Auferstehung dar. Sie rückt von der Außenseiterrolle in den Mittelpunkt. Für die Auferstehung bedarf es der Hilfe von außen. Die kann von Gott kommen, das ist das erste Szenario in diesem Buch für das, was nach dem Tod passiert. Wobei ich mich am christlichen Konzept orientiere. Ich präsentiere aber auch ein weltliches Szenario. Das stellt den Plan B dar, falls Gott doch nicht existiert, beziehungsweise nicht für die Auferstehung sorgt.
Psyche ist das altgriechische Wort für Seele, die Psychologie ist demnach die Wissenschaft von der Seele. Sie ist aber seelenlos geworden, man verwendet nur noch den Begriff der Psyche. Darunter versteht man die Summe aller geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen.
Tatsächlich gibt es zwischen dem, was man heute unter der Psyche versteht und dem traditionellen Begriff der Seele einen sehr großen Unterschied. Bei der Psyche wird angenommen, dass sie aufs Engste mit dem Gehirn verbunden ist, dass also die geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale aus ihm hervorgehen. Wobei völlig unklar ist, wie das geschieht. Bei der Seele nimmt man hingegen an, dass sie etwas immaterielles Eigenständiges, vom Körper losgelöstes, darstellt. Aus ihr gehen die geistigen Eigenschaften hervor und sie repräsentiert die Identität jedes Menschen, also das „Ich“. Man kann es so ausdrücken: Ich bin meine Seele. Das kommt unserer intuitiven Vorstellung entgegen. Denn erstens ist der Geist, also das Bewusstsein, völlig anders als die Materie. Und zweitens ist das „Ich“ aufs Engste mit dem Geist verbunden und drückt dem Körper seinen Willen auf. Aber auch dieses Konzept hat einen großen Schwachpunkt, denn es kann nicht erklärt werden, wie die Seele mit dem Körper wechselwirkt.
Es war der griechische Philosoph Platon (428 – 347 v. Chr.), der die erste Theorie der Seele entwickelte. Demnach ist sie das wahre „Ich“ und kann auch unabhängig vom materiellen Körper existieren. Aber umgekehrt kann er nicht ohne die Seele existieren, zumindest nicht als lebendiger Körper. Denn es ist die Seele, die ihm das Leben einhaucht. Tatsächlich war für Platon der Körper minderwertig oder zumindest unvollkommen. Daher nannte er ihn das „Grab der Seele“ und eine Trennung von ihm sah er als erstrebenswert an. Was dann auch beim Tod tatsächlich passiert. Diese Vorstellung hat sich bis heute gehalten. Wer an die Existenz der Seele glaubt, der ist davon überzeugt, dass sie sich beim Tod vom Körper löst und ein eigenständiges Leben im Jenseits führt. Oder wieder in einem anderen Körper auftaucht. Folglich ist der tote Körper dann seelenlos, wie die leeren Augen eindrucksvoll zeigen.
Gemäß Platon besteht die Seele aus drei Teilen. Dem vernunftbegabten mit Sitz im Gehirn, dem triebhaften mit Sitz im Unterleib und schließlich dem muthaften mit Sitz in der Brust. Der muthafte Seelenteil ordnet sich leicht der Vernunft unter, der triebhafte widersetzt sich. Das ist nachvollziehbar.
Warum haben wir eine Seele? Platon begründet das damit, dass wir die perfekten Formen erkennen können. Heute würde man sagen, dass wir Mathematik betreiben können. Ein Teilgebiet von ihr stellt die Geometrie dar, in der zum Beispiel die perfekten Dreiecke betrachtet werden. In der Realität, also in der räumlichen Welt um uns herum, gibt es hingegen keine perfekten Dreiecke. Daher war sie für Platon grundsätzlich unvollkommen, unsere Körper eingeschlossen.
Was passiert mit der Seele nach dem Tod? Das schildert Platon in einigen Mythen. Betrachten wir beispielhaft die Apologie des Sokrates. Bekanntlich war er der Lehrer Platons und dieser hat in seinen Werken typischerweise seine Gedanken ihm in den Mund gelegt. Gegen Sokrates wurde das Todesurteil verhängt, wegen schlechter Beeinflussung der Jugend und Missachtung der Götter. Seine Hinrichtung geschah durch den Schierlingsbecher. Er enthält das tödliche Gift einer Pflanze, dem Gefleckten Schierling, und stellte in der Antike eine durchaus übliche Hinrichtungsmethode dar. Die von Platon verfasste Apologie des Sokrates liefert seine Verteidigungsrede vor Gericht. Das Schicksal der Seele nach dem Tod wird von ihm optimistisch geschildert: Er geht davon aus, dass sie ein eigenständiges Leben im Totenreich führt, mit dem identischen „Ich“ des irdischen Lebens. Dort trifft sie bedeutende Persönlichkeiten. Sokrates erwartet, dass sie im Totenreich gerecht behandelt wird. Im Gegensatz zu seiner ungerechten Behandlung durch die irdische Justiz.
Platon glaubte aber auch an die Seelenwanderung. Die Seele trennt sich zwar beim Tod vom Körper und zieht ins Totenreich ein, sie kehrt aber immer wieder in neue Körper zurück. Das endet erst am Ende der Zeiten. Die Seele vereinigt sich dann mit dem Göttlichen.
Kommen wir jetzt zum Christentum. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist sein ganz zentraler Kern und er geht auf Jesus Christus zurück. Er wurde gekreuzigt und ist gestorben. Aber sein Grab war nach drei Tagen leer und er erschien seinen Jüngern. Das konnte ein paar Jahre später der Apostel Paulus sehr gut „verkaufen“. Was zum Erfolg des Christentums führte. Wir sterben zwar, so seine Botschaft, bekommen aber nach dem Tod am Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung aller Verstorbenen, einen neuen Körper. Der ist von Gott geschaffen und gegenüber dem irdischen Körper entscheidend verbessert. Insbesondere macht er ein ewiges Leben möglich. Allerdings gibt es noch die Hürde des Jüngsten Gerichts. Gott bewertet dann das irdische Leben und entscheidet über Himmel und Hölle. Also über ewige Glückseligkeit oder ewige Qualen.
Paulus wurde vermutlich vor 10 n. Chr. geboren und starb nach 60. Er hatte Jesus Christus nicht persönlich gekannt und betätigte sich zunächst sogar als sehr eifriger Christenverfolger, war bei der Steinigung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus anwesend. Er erhielt dann vom Jerusalemer Hohenpriester den Auftrag, in Damaskus nach Anhängern Jesu zu suchen. Auf dem Weg dorthin erschien ihm der auferstandene Jesus. Dieser rief ihn mit seinem hebräischen Namen an: „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Er fragte: „Wer bist du?“ Darauf die Stimme: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Dadurch wurde er „vom Saulus zum Paulus“. Und mit dem gleichen Eifer, mit dem er die Christen verfolgt hatte, sorgte er jetzt für die Verbreitung des Christentums.
Paulus verknüpfte die Auferstehung mit dem damals im Judentum stark ausgeprägten Glauben an die Apokalypse, also an das Ende der Zeiten. Wenn Gott über das Böse siegt und sich die Erde in das Reich Gottes verwandelt. Heutzutage verbindet man mit der Apokalypse den Weltuntergang. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Apokalypse bedeutet zumindest für die Gläubigen auch das Anbrechen eines goldenen Zeitalters. Bilderreich beschrieben wird das alles in der zum Neuen Testament gehörenden Offenbarung (= griechisch Apokalypse) des Johannes, die vermutlich um das Jahr 80 n. Chr. entstanden ist.
Damals wurden die Christen noch verfolgt, aber Johannes konnte sie trösten. Denn er hatte eine göttliche Botschaft empfangen, die ihm sagte, dass bald die Rettung kommt. Zunächst allerdings würde ein Krieg die Erde verwüsten. Die Sonne verfinstert sich, der Mond wird blutrot, gepanzerte Heuschrecken und feuerspeiende Pferde quälen und töten die Menschen. Doch dann erscheint Jesus Christus mit seiner Armee und macht die Gottlosen nieder. Es kommt zur Auferstehung der Toten und zum Weltgericht. Die normale Erde findet ihr Ende, es taucht stattdessen das „neue Jerusalem“ auf. Das ist eine Art Paradies, in dem sich die Gläubigen befinden, gemeinsam mit Jesus Christus und Gott. Hingegen folgen die Ungläubigen dem verjagten und machtlosen Teufel in seine ewigen Qualen.
Das Konzept der Auferstehung stellte zunächst eine attraktive Alternative zur Seele dar. Denn die Vorstellung eines neuen Lebens mit einem neuen Körper war sehr viel überzeugender als das unklare eher schattenhafte neue Leben der Seele. Aber bald kam es zu einem Problem. Denn Paulus ging davon aus, dass der Jüngste Tag sehr nahe ist, noch zu seinen Lebzeiten kommen wird. Doch die Jahrzehnte vergingen und nichts passierte. Es drängte sich daher mehr und mehr die Frage auf, was mit den Verstorbenen zwischen dem Tod und der Auferstehung geschieht. Außerdem traute man selbst Gott nicht zu, dass er am Jüngsten Tag einen neuen Körper erschaffen kann, der dem gleichen Menschen entspricht, dessen alter Körper längst völlig verwest war. So kam dann doch das Seelenkonzept des Platon ins Spiel. Es wurde mit dem Konzept der Auferstehung kombiniert. Das geschah ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. und setzte sich schließlich durch. Jeder Mensch hat, ganz gemäß Platon, neben seinem sterblichen Körper eine unsterbliche Seele, die das „Ich“ darstellt. Tatsächlich enthält sie das ganze Leben. Sie lässt nichts aus, nicht die kleinste Kleinigkeit. Gemäß Platon ist der Körper nur eine Last, für die Seele ist es daher das höchste Ziel, sich von ihm zu befreien. Das Christentum sieht das ganz anders. Die Seele allein stellt gewissermaßen nur ein Hilfsmittel dar. Sie wird benötigt, damit der Auferstandene mit dem Verstorbenen identisch ist. Und nicht nur identisch im Augenblick des Todes. Der auferstandene Mensch spiegelt vielmehr sein gesamtes irdisches Leben wider. Das gelingt dank der Seele.
Die intensive missionarische Tätigkeit der frühen Christen in Kombination mit dem überzeugenden Auferstehungskonzept führte schnell zu großer Verbreitung des Christentums. Allerdings wurde es zunächst heftig bekämpft, die Kirchen wurden angezündet und es gab viele Märtyrer. Das änderte sich radikal mit dem Konzil von Nicää von 325. Der römische Kaiser Konstantin I (285 – 337) hatte 300 Kirchenvertreter eingeladen, es wurde ein Religionsfrieden vereinbart und die Christenverfolgungen hörten auf. Es kam für die Christen dann sogar noch besser. Denn am 27. Februar 380 wurde vom oströmischen Kaiser und den beiden weströmischen Kaisern ein Dekret unterzeichnet, mit dem das Christentum zur Staatsreligion erklärt wurde.
In der gesamten Kirchengeschichte gab es ständig Diskussionen darüber, was zwischen Tod und allgemeiner Auferstehung passiert. Also was für ein Leben die Seele allein führt. Für das Christentum besteht der Mensch aus Seele und Körper. Daher kann die Seele allein in jedem Fall nur ein eingeschränktes Leben führen. Wie aber sieht das aus? Das wurde zwar ständig diskutiert, zu einer einvernehmlichen Lösung ist es aber nie gekommen. Allerdings lag dem die Vorstellung zu Grunde, dass in Himmel und Hölle die Zeit parallel zu unserer Zeit abläuft. Zweifellos aber herrscht in ihnen nicht die irdische Zeit. Sie wird ganz anders beschaffen sein, jedoch übersteigt das unser Erkenntnisvermögen. Jedenfalls gehen heute viele Theologen davon aus, dass es nach dem Tod kein Warten auf den Jüngsten Tag gibt. Der individuelle Tod und die allgemeine Auferstehung am Jüngsten Tag fallen daher zusammen. Das bedeutet, dass sich die Frage, was die Seele für ein Leben führt, überhaupt nicht stellt. Denn Gott schafft aus ihr direkt beim Tod einen neuen Körper. Der dann, ich betone es nochmals, das gesamte irdische Leben widerspiegelt. Bis in die kleinste Kleinigkeit. Alle Dinge, die wir jetzt vergessen haben, tauchen dann wieder auf.
Was ist mit dem Jüngsten Gericht? Im Mittelalter wurde das Leben noch von der Angst vor ihm beherrscht. Heute sieht man das sehr viel gelassener. Die meisten Theologen sagen, dass Gott kein Urteil im Sinne unserer menschlichen Gerichte fällt. Vielmehr erkennt der Mensch im Angesicht Gottes voll und ganz sich selbst. Alle seine im irdischen Leben begangenen guten und schlechten Taten tauchen vor ihm auf. Wir selbst fällen dadurch im Tod das Urteil über uns. Aber Gott ist barmherzig, so dass es, von Ausnahmefällen abgesehen, stets zu einer Läuterung kommt und wir dann in den Himmel, also das Reich Gottes, einziehen können. Wie sieht das Leben dort aus? Dazu wird vom Christentum nicht viel gesagt. Man sagt nur, dass es von der Gemeinschaft mit Gott beherrscht wird, was ewige Glückseligkeit bedeutet.
Im Islam umfasst der Weg in den Himmel oder die Hölle drei Prüfungen. Die erste erfolgt direkt nach dem Tod, die zweite ähnelt der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht des Christentums, die dritte ist der Gang über eine spezielle Brücke. Sie ist „dünner ist als ein Haar und schärfer als ein Schwert“ und stellt den Vollzug des Urteils des Jüngsten Gerichts dar. Es ist also keine wirkliche Prüfung, da das Ergebnis feststeht. War das Urteil des Jüngsten Gerichts positiv, so gelangt der Verstorbene auf die andere Seite der Brücke, wo er in den Himmel eintritt. Die mit negativem Urteil aber stürzen in die Tiefe, wo sie die Hölle erwartet. Der Himmel wird im Koran, im Gegensatz zur Bibel, sehr detailliert beschrieben. Dazu die Sure 56: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahestehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen voll Wein, von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen.“
Für die Muslime muss das so sein, denn der Koran ist im Gegensatz zur Bibel kein irdisches Buch, sondern kommt direkt von Allah, enthält also nur unantastbare und ewige Wahrheiten. Widerspricht etwas aus dem Koran den Naturwissenschaften, so ist für die Muslime klar, wer Recht hat.
Kommen wir zu den östlichen Religionen, das sind vor allem der Hinduismus und der Buddhismus. Auch für sie gibt es ein Leben nach dem Tod. Das ist aber ganz anders als das vom Christentum und vom Islam verkündete neue Leben. Es findet nämlich auf der Erde statt. Das ist das Konzept der Reinkarnation, des „wieder zu Fleisch werden“.
Auch gemäß Hinduismus und Buddhismus besitzt der Mensch eine Seele. Sie stellt das „Ich“ dar und überdauert den Tod. Allerdings gibt es keine Auferstehung, die Seele wird vielmehr nach dem Tod in einem anderen Körper wiedergeboren [2]. Die Ursache hierfür liegt im Karma. Jede Handlung erzeugt Karma. Je nach Art der Handlung wird schlechtes oder gutes erzeugt. Am Ende des Lebens bestimmt der Charakter des angesammelten Karmas, also ob insgesamt schlecht oder gut, die Form der Wiedergeburt. Besonders schlechtes Karma kann auch zur Wiedergeburt als Tier, beispielsweise als Hund, führen. Aber auch wenn die Wiedergeburt als Prinz geschieht, es ist gar nicht erstrebenswert, denn kein irdisches Leben ist wirklich erfreulich. Daher ist es das oberste Ziel jedes Hindu und Buddhisten, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Auch besonders gutes Karma bewirkt das allerdings nicht, da das Karma als der „Brennstoff“ für die Wiedergeburt betrachtet wird. Der Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gelingt daher nur dann, wenn gar kein Karma mehr vorhanden ist. Das zu erreichen, ist sehr schwierig, wobei der Hinduismus und der Buddhismus verschiedene Wege dahin aufzeigen. Tendenzmäßig muss man sich von allem loslösen, denn jedes Handeln oder Denken erzeugt ja wieder neues Karma. Wenn das gelingt, dann tritt man in das Nirvana (Buddhismus) bzw. Moksha (Hinduismus) ein. Dort ist die Loslösung vollendet. Das ist nicht das Nichts, kommt dem aber sehr nahe. Man gebraucht hierfür Worte wie „anhaftungslose Ruhe“. Wie ich schon festgestellt habe, werde ich in diesem Buch begründen, dass Reinkarnation völlig unmöglich ist.
Die Seele als Hilfsmittel und die mit ihr mögliche Auferstehung am Jüngsten Tag sind auch heute noch der zentrale Kern des Christentums bezüglich des Lebens nach dem Tod. Wobei nur etwa 10 % – 15 % der Christen in Deutschland an die Auferstehung glauben, die Seele allein ist heute der bei ihnen vorherrschende Weg zur Unsterblichkeit [3]. Sie gehen also davon aus, dass die Seele allein für ein neues Leben nach dem Tod sorgt. Das ist aber nicht möglich, wie ich noch erläutern werde. Tatsächlich wird immer weniger über das Leben nach dem Tod in den christlichen Kirchen gelehrt und diskutiert. Das liegt wohl daran, dass es nicht mehr in das heutige von den Naturwissenschaften dominierte Weltbild passt. Hier in diesem Buch zeige ich, dass die für die Erklärung des Bewusstseins notwendige Ergänzung des naturwissenschaftlichen Weltbildes dazu führt, dass sich die Auferstehung sehr wohl begründen lässt. Sofern mein Buch Beachtung findet, könnte das zur Wiederaktivierung des Themas „Leben nach dem Tod“ in den christlichen Kirchen führen. Möglicherweise führt das dann dazu, dass der massive Rückgang der Kirchenmitglieder etwas abgebremst wird. Heute steht in den christlichen Kirchen die Anleitung zu sozial-karitativem Verhalten im Mittelpunkt. Offensichtlich aber ist das kein Erfolgsrezept.
Tatsächlich geht das Konzept der Seele weit über das Leben nach dem Tod hinaus. Denn sie zeigt dem Menschen, dass er etwas Besonderes ist, mit dem Göttlichen verwandt. Die Seele unterscheidet uns von den Tieren und sie macht jeden Menschen wertvoll. Daher bekam das Seelenkonzept nach und nach auch eine politische Komponente [1]. Es machte die Menschen zu Individuen mit dem Recht und dem Anspruch auf Gleichheit, Freiheit und Demokratie. Was ja schließlich auch zumindest in den meisten westlichen Zivilisationen realisiert wurde.
Aber wie schon angesprochen, gibt es ein riesiges Problem für die Seele: Ihre Existenz lässt sich mittels der Naturwissenschaften nicht begründen. Ich will nochmals betonen, dass sie aber einen großen Schwachpunkt haben, das ist die völlig fehlende Erklärung für das Bewusstsein. Tatsächlich habe ich mich zunächst überhaupt nicht mit der Seele und dem Leben nach dem Tod beschäftigt, sondern mit unserem Bewusstsein. Das geschah ab 2009 und ich wollte unbedingt zeigen, wie es erzeugt wird. Wie ich in den nächsten Kapiteln erläutern werde, ist das mir auch gelungen. Das ist zwar kaum zu glauben, aber Sie können sich ja gleich ein eigenes Urteil bilden. Jedenfalls brachte mich die Erklärung des Bewusstseins dann auch zu den Themen Seele und Leben nach dem Tod. Worauf ich natürlich noch ausführlich zurückkommen werde.
In den letzten Jahrhunderten entstanden die modernen Wissenschaften und sie waren äußerst erfolgreich. Das führte dazu, dass man erwartete, dass ihnen irgendwann auch das Erzeugen von Leben aus toter Materie möglich sein wird. Dass also der Mensch selbst für die Auferstehung der Toten sorgt. Berühmt geworden ist der Roman Frankenstein von Mary Shelley. Er erschien 1816.
1800 gab es die erste elektrische Batterie, die Voltasche Säule, und es begann das Zeitalter der Elektrizität. An toten Tierkörpern und auch an menschlichen Leichen konnte man mit der Voltaschen Säule Muskelbewegungen auslösen. Das machte man 1803 beim Doppelmörder George Forster direkt nach seiner Hinrichtung und er bewegte sich so heftig, dass die Anwesenden erschraken und tatsächlich glaubten, man hätte den Hingerichteten wiederbelebt.
Der Ehemann von Mary Shelley kannte das und er berichtete ihr davon, das lieferte die Grundlage für ihren Roman. Im Mittelpunkt stehen der Wissenschaftler Victor Frankenstein und das von ihm aus toter Materie geschaffene Monster. Für seine Erzeugung besorgte er sich Leichenteile von Friedhöfen und irgendwann an einem trüben Novemberabend konnte er der so zusammengesetzten Kreatur mittels Elektrizität Leben einhauchen.
Aber alles läuft schief. Frankenstein ist davon überzeugt, ein Monster geschaffen zu haben und flüchtet, aber die Kreatur rennt ihm hinterher und tötet seinen fünfjährigen Bruder. Auch seine Braut wird in der Hochzeitsnacht von ihr getötet. Frankenstein verfolgt sie bis zum Polarkreis, dort aber stirbt er auf einem Schiff an Erschöpfung. Die Kreatur findet den Toten und fängt an zu weinen. Sie will sich das Leben nehmen, springt vom Schiff und verschwindet für immer.
Bislang ist es in der Realität allerdings nicht gelungen, einen Toten aufzuerwecken. Oder überhaupt Leben aus toter Materie zu erschaffen. Der Ursprung des Lebens ist nach wie vor ein völlig ungelöstes Rätsel. Aber einige hoffen, dass die weltliche Form der Auferstehung doch irgendwann in der Zukunft möglich sein wird und lassen sich einfrieren. Das nennt man Kyronik. Die Leichen befinden sich in Metallbehältern mit flüssigem Stickstoff. Das soll für Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende vor dem Zerfall schützen.
Eine Alternative dazu stellt das Mind-Uploading dar. Das ist die digitale Unsterblichkeit. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Geist eines Menschen eine Art Software darstellt, die während des ersten irdischen Lebens auf der Hardware Gehirn läuft. Aber bekanntlich kann man die gleiche Software auf unterschiedlicher Hardware betreiben. Daher meinen die Vertreter des Mind-Uploading, dass man nach dem Tod die Geist-Software auf einen Computer laden kann. Zwar ist man sich einig, dass derzeit deren Leistungsvermögen noch nicht ausreichend ist, aber der bekannte Futurologe Ian Pearson meint, dass Mind-Uploading ab etwa 2050 möglich sein wird. Es gibt allerdings das Problem, dass keiner bislang weiß, was der Geist eigentlich ist. Daher ist auch völlig unklar, was eigentlich auf den Computer geladen werden soll und ob der Geist auf einem Computer überhaupt funktioniert. Wie Sie beim zweiten Szenario für das Leben nach dem Tod noch sehen werden, ist die heutige Computer-Technologie aus prinzipiellen Gründen hierfür tatsächlich denkbar ungeeignet.
Was ist mit den Nahtoderfahrungen? Stellen sie den Blick ins Jenseits dar? Zweifellos nicht, zwei Gründe sprechen massiv dagegen.
Erstens zeigen sich praktisch die gleichen „Nahtoderfahrungen“ in ganz anderen Situationen, wo die Menschen sich keineswegs körperlich an der Schwelle zum Tod befinden. Zum Beispiel bei der Meditation oder bei großer Todesangst. Daher stellen die Nahtoderfahrungen ziemlich sicher eine Fehlfunktion des Gehirns dar. Es konstruiert die wahrgenommene Realität und da kann es in speziellen Situationen durchaus auch zu Fehlkonstruktionen kommen. Die dann beispielsweise zu der Illusion führen, dass man sich außerhalb des materiellen Körpers befindet. Oder dass man in einen Tunnel mit Licht am Ende blickt. Zu diesen speziellen Situationen gehört zweifellos das sterbende Gehirn in der Nähe des Todes. Dazu gehören aber beispielsweise auch, wie schon erwähnt, die Meditation und die große Todesangst.
Der zweite Grund, der gegen die Nahtoderfahrungen als Blick ins Jenseits spricht, ist die Tatsache, dass wir nur die Erinnerungen an sie kennen. Was wir als die Nahtoderfahrungen bezeichnen, stellt nie das Originalerlebnis dar. Alle Erinnerungen sind, so wie unsere Wahrnehmungen, stets eine Konstruktion des Gehirns. Und es kann nur das rekonstruieren (= Erinnerung), was es selbst in der Vergangenheit konstruiert hat (= Originalerlebnis). Es ist daher völlig unmöglich, dass man sich an Erlebnisse erinnert, die nicht mittels des Gehirns wahrgenommen worden sind. Manchmal liest man, dass das Gehirn nur als Empfänger für die Erinnerungen dient, sie sind tatsächlich woanders abgespeichert. Dafür aber gibt es erstens keinerlei Hinweise und zweitens widerspricht es völlig den Erkenntnissen der Neurowissenschaften. Die Nahtoderfahrungen müssen daher gemacht worden sein, als im Gehirn noch oder wieder eine gewisse Aktivität vorhanden war.
Die zwei Szenarien für das Leben nach dem Tod stellen zweifellos den Höhepunkt dieses Buches dar. Aber vorab will ich zeigen, dass die Voraussetzung für die zwei Szenarien, das ist die Seele, sich tatsächlich physikalisch begründen lässt. Wie schon festgestellt, bin ich hierfür den Umweg über das Bewusstsein gegangen. Daher müssen wir uns zunächst ihm zuwenden.