Bewusstsein – Der Zwei-Aspekte-Monismus

Was ist eigentlich Bewusstsein? Manche sagen, dass es das ist, was auftaucht, wenn wir morgens aufwachen und das verschwindet, wenn wir abends einschlafen. Wobei wir auch im Schlaf phasenweise bei Bewusstsein sind. Nämlich immer dann, wenn wir träumen. Die Besonderheit beim Träumen besteht darin, dass es weder einen Input von den Sinnesorganen, noch einen Output an die Muskeln gibt. Das Gehirn ist vielmehr voll und ganz mit sich selbst beschäftigt.
Allgemein akzeptiert ist die Definition von Bewusstsein als einem Erleben. Man erlebt das, was von den Sinnesorganen und dem Körper kommt. Das führt zum Erleben der Welt um uns herum und der mit dem Körper verbundenen Bedürfnissen und Problemen. Also zum Beispiel Hunger und Schmerzen. Man erlebt aber auch Erinnerungen und abstrakte Gedanken. Begleitet wird das alles von den Gefühlen, auch sie gehören zum Bewusstsein. Wobei es bei ihnen eine enge Wechselwirkung mit dem Körper gibt. Wir zittern zum Beispiel beim Gefühl der Angst. All das ist mit „Erleben“ gemeint. Wobei man üblicherweise hinzufügt, dass es sich um ein „subjektives“ Erleben handelt. Weil es für Außenstehende, von den Gefühlen abgesehen, nicht sichtbar ist. Nur ich selbst weiß von meinem Erleben. Ich kann zwar darüber berichten, aber für mein Gegenüber lässt sich nicht feststellen, ob das stimmt, was ich sage. Daher der Zusatz „subjektiv“.
Unser gesamtes Dasein besteht ausschließlich aus dem Bewusstsein. Denn wir kennen nur das mit ihm verbundene Erleben, etwas Anderes kennen wir nicht. Verschwindet das Bewusstsein, dann verschwindet auch die Wahrnehmung unserer Existenz. Ohne Bewusstsein weiß ich nicht, dass ich existiere. Was zeigt, dass es für uns das wichtigste Phänomen überhaupt ist.
Daher stellten sich die Menschen wohl schon immer die Frage, wie das Bewusstsein erzeugt wird. Besonders intensiv wurde und wird diese Frage von den Neurowissenschaftlern und den Philosophen gestellt. Für die Neurowissenschaftler ist die Sache klar: Das Bewusstsein wird voll und ganz vom Gehirn erzeugt. Leider aber können sie auch nicht ansatzweise zeigen, wie das geschehen soll. Sicher ist allerdings, dass es einen Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Gehirn gibt. Das Bewusstsein ist nämlich völlig abhängig von der Gehirnaktivität. Ist sie stark verändert, wie beim Tiefschlaf oder bei der Narkose, dann verschwindet auch das Bewusstsein.
Zwar sind die Neurowissenschaftler dem Bewusstsein selbst, also wie es zum damit verbundenen Erleben kommt, bislang nicht nähergekommen. Trotzdem haben sie Fortschritte erzielt. In den letzten Jahren ist es ihnen nämlich gelungen, sogenannte Korrelate des Bewusstseins zu finden [4]. Damit ist gemeint, dass bestimmte Merkmale bei der Gehirnaktivität zeigen, dass sie mit Bewusstsein verbunden ist. Ich komme später darauf zurück.
Jetzt zu den Philosophen. Sie versuchen, dem Bewusstsein durch reines Nachdenken auf die Spur zu kommen. Nicht ganz erfolglos, wie wir gleich sehen werden.
Es gibt zwei Denkrichtungen. Die eine ist der Dualismus. Zurück geht er auf den Franzosen René Descartes (1596–1650), der sehr vielseitig war. Er war Jurist, Mathematiker, Physiker und Philosoph. Aber auch Soldat im Dreißigjährigen Krieg. Descartes jedenfalls sagte, dass Geist und Materie zwei völlig verschiedene Dinge sind. Wobei er nicht zwischen Geist und Bewusstsein unterschied. Das ist auch heute noch so üblich. Die Materie ist gemäß Descartes ausgedehnt, man kann sie daher mit den Sinnen wahrnehmen. Der Geist hingegen ist nicht ausgedehnt, man kann ihn daher auch nicht direkt wahrnehmen. Das ist der sogenannte Dualismus. Für seine Vertreter ist das Bewusstsein völlig losgelöst von jeder Materie, insbesondere also vom Gehirn. Das Konzept der Seele gehört zum Dualismus, denn der Geist geht ja aus der Seele hervor und sie selbst wird als immateriell und losgelöst vom Körper betrachtet.
Der Dualismus entspricht unserer Intuition, schließlich ist das Bewusstsein so ganz anders als die Materie. Das zeigt sich auch in unserer Alltagssprache. Es gibt Materielles und Geistiges, also einerseits Autos, Möbel und Weinflaschen und andererseits Gedanken, Gefühle, Lust und Schmerz. Zudem unterstützt die Losgelöstheit des Bewusstseins vom Gehirn die Idee des freien Willens. Es stellt demnach eine übergeordnete Instanz dar, unser „Ich“, die dem Gehirn und damit dem Körper ihren Willen aufdrückt. Er ist demnach nur „mein“ Werkzeug. „Ich“ bestimme über das Gehirn, was er zu tun hat. Was auch wieder zeigt, dass die Seele zum Konzept des Dualismus passt. Allerdings hat er ein großes Problem. Denn er kann nicht erklären, wie das „Ich“ in Form des Bewusstseins mit dem Gehirn wechselwirkt. Wie also der freie Wille über es den Körper steuert. Das ist der Grund, warum der Dualismus zumindest bei den Philosophen heute nur noch eine Außenseiterrolle spielt.
Die zweite Denkrichtung ist der Monismus. In seiner Standardversion besagt er, dass Bewusstsein eine Eigenschaft der Materie ist. Und zwar genau der Materie, wie sie von der Physik beschrieben wird. Die Standardversion des Monismus nennt man daher auch den Physikalismus. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die gesamte Realität von der Physik erfasst wird. Inklusive des Bewusstseins. Allerdings hat auch der Physikalismus ein riesiges Problem. Denn er kann nicht ansatzweise erklären, wie aus der Physik das subjektive Erleben des Bewusstseins entstehen soll, zum Beispiel das Erleben des Rots eines Sonnenuntergangs. Das nennt der australische Philosoph David Chalmers (geb. 1966) das „harte Problem“ [5]. Eigentlich ist die Erklärung des Bewusstseins durch die Physik auch nicht zu erwarten. Schließlich beschreibt sie alles in der Sprache der Mathematik, also mittels abstrakter Strukturen. Das Bewusstsein kann man in ihnen niemals finden.
Es gibt aber eine Version des Monismus, die einen kleinen Hoffnungsschimmer liefert. Sagen wir, sie stellt die Idee für einen Lösungsansatz dar. Das ist der sogenannte Zwei-Aspekte-Monismus. Wir kommen gleich zu ihm. Zunächst aber noch ein paar Worte zur Materie.
Sie besteht aus Atomen und Molekülen. Schauen wir uns zunächst die Atome näher an. Sie bestehen aus einem winzigen Kern aus Protonen und Neutronen. Um ihn „kreisen“ die Elektronen. Das Kreisen habe ich in Anführungszeichen geschrieben, weil die Elektronen nicht wirklich kreisen. Ihr Verhalten ist tatsächlich sehr merkwürdig. Ich komme darauf zurück, wenn wir im nächsten Kapitel einen vorsichtigen Blick in die Quantentheorie werfen.
Die Elektronen bezeichnet man als Elementarteilchen, weil sie sich nach heutigem Stand nicht weiter zerlegen lassen. Die Protonen und Neutronen in den Kernen sind keine Elementarteilchen, denn sie bestehen aus je drei Quarks, genauer gesagt aus jeweils unterschiedlichen Mischungen von Up- und Down-Quarks. Sie sind Elementarteilchen. Das einfachste Atom ist das Wasserstoffatom, es besteht aus einem einzigen Proton, das den Kern bildet und einem einzigen Elektron.
Wenn sich zwei oder mehrere Atome aneinanderbinden, dann spricht man von Molekülen. Eines der einfachsten ist das vielbeachtete Kohlendioxid. Es besteht aus einem Kohlenstoffatom und zwei Sauerstoffatomen. Der Anstieg seiner Konzentration in der Atmosphäre hat Einfluss auf das Klima. Die vorindustrielle Konzentration betrug 0,028 %, der aktuelle Wert liegt bei 0,04 %. Das bedeutet, dass 4 von 10000 Luftmolekülen Kohlendioxid sind, in der vorindustriellen Zeit waren es etwa 3 von 10000. Das kann den Klimawandel nur dann erklären, wenn gewaltige Verstärkungseffekte angenommen werden. Da die Atmosphäre ein chaotisches System darstellt, ist das mit den entsprechenden Unsicherheiten in den Prognosen verbunden.
Was „ist“ ein Elektron? Fragen wir zunächst, welche Antwort von der Physik kommt. Hierzu müssten wir eigentlich sehr tief in die Quantentheorie einsteigen. Aber für unsere Zwecke genügt es, wenn wir feststellen, dass die Physik unveränderliche und veränderliche Eigenschaften liefert. Zunächst zu den Letzteren, das sind vor allem der Ort und die Geschwindigkeit. Die brauchen wir nicht, wenn wir danach fragen, was ein Elektron „ist“. Nehmen wir daher die unveränderlichen Eigenschaften, das sind die elektrische Ladung und die Masse. Hinzu kommt noch der Spin, er stellt eine nur mit der Quantentheorie erklärbare Eigenschaft dar. Wenn die Physik von einem Elektron spricht, dann meint sie das Bündel seiner unveränderlichen Eigenschaften. Die aber zeigen nur, was ein Elektron „macht“. Die elektrische Ladung bewirkt, dass es von anderen elektrisch geladenen Objekten angezogen oder abgestoßen wird. Die Masse führt zur Anziehung durch andere Massen. Vergleichbares trifft auch auf den Spin zu. Mehr kann man mittels der Physik auch nicht aus einem Elektron herausholen. Alle physikalischen Experimente zeigen nur, was es „macht“ und nicht, was es „ist“. Das gilt selbstverständlich nicht nur für das Elektron, es gilt für alle Materie. Daher meinen einige Philosophen, dass die Physik nicht alles liefert, was die Materie betrifft. Dass es über die Physik hinaus noch etwas gibt, was das darstellt, was die Materie „ist“. Nennen wir es ihre innere Natur. Sie ist fundamentaler, die Materie im Sinne der Physik wird von ihr erzeugt.
Um jede Verwirrung zu vermeiden: Wenn ich im Folgenden von einem Elementarteilchen, Atom oder Molekül spreche, dann meine ich stets das, was die Physik darunter versteht. Also die Bündel aus den unveränderlichen physikalischen Eigenschaften. Wenn ich von der inneren Natur spreche, dann sage ich das explizit.
Auch der britische Philosoph, Mathematiker und Logiker Bertrand Russell (1872 – 1970) nahm an, dass die Materie eine innere Natur besitzt. Und er ging noch einen Schritt weiter, denn er brachte das Bewusstsein mit ins Spiel. Sinngemäß sagte er 1950 in seinem Essay „Mind and Matter“ das Folgende: „Wir wissen nichts über die innere Natur der Dinge. Es sei denn, unser Bewusstsein sagt uns etwas darüber aus.“
Genau das ist die Basis des Zwei-Aspekte-Monismus. Es gibt zwar nur die Materie, daher der Ausdruck „Monismus“. Sie hat aber zwei Aspekte. Der eine ist der physikalische, der andere ist die innere Natur. Zu der die Physik zwar nichts sagen kann, aus der aber der physikalische Aspekt der Materie hervorgeht. Die innere Natur ist aufs Engste mit dem Bewusstsein verbunden, das ist die Kernaussage des Zwei-Aspekte-Monismus. Weiter oben habe ich gesagt, dass die Standardversion des Monismus der Physikalismus ist. Er geht davon aus, dass alles Physik ist. Also die gesamte Realität von ihr erfasst wird. Dazu gehört selbstverständlich auch das Bewusstsein, aber bislang konnte die Physik nichts zu ihm sagen, das ist das „harte Problem“. Der Zwei-Aspekte-Monismus ist anders. Nicht alles ist Physik, sie liefert nur einen Aspekt der Materie. Nämlich das, was sie „macht“. Es gibt noch einen anderen, der ist nicht-physikalisch und stellt die innere Natur der Materie dar. Das ist das, was sie „ist“. Er liefert die Grundlage für das Bewusstsein.
Wobei es vom Zwei-Aspekte-Monismus zwei Varianten gibt, eine radikale und eine gemäßigte. Für die radikale Variante stellt die innere Natur der Materie bereits Bewusstsein dar. Das mit ihm verbundene Erleben besteht also aus der inneren Natur. Die entscheidende Frage ist aber, ob die radikale Variante in Einklang mit dem menschlichen Bewusstsein steht. Die innere Natur jedes Moleküls unseres Körpers trägt dann zu unserem Erleben bei, liefert ein Mikro-Erleben. Es gibt zwei Probleme. Erstens haben wir ein zwar strukturiertes, aber einheitliches Erleben. Wie also werden die unzähligen Mikro-Erleben vereinigt? Das nennt man das Kombinations-Problem und seine Lösung ist völlig unklar. Zweitens ist unser Erleben auf das Gehirn konzentriert. Was bewirkt das Unterdrücken des Rests des Körpers? Auch hierfür gibt es nicht den Hauch einer Erklärung. Nennen wir es das Dominanz-Problem.
Für die gemäßigte Variante besteht die innere Natur der Materie aus Proto-Bewusstsein, stellt also eine Vorstufe des Bewusstseins dar. Wobei unklar bleibt, wie das Proto-Bewusstsein zu Bewusstsein wird. Trotzdem ist dieser Ansatz vom Grundsatz her deutlich besser. Denn das Erleben ist nicht einfach „da“ wie bei der radikalen Variante. Es wird vielmehr durch einen Prozess erzeugt. Der aus Proto-Bewusstsein Bewusstsein macht, und erst das führt zu einem Erleben. Zwar ist der Prozess bislang unbekannt, es ist aber durchaus vorstellbar, dass er mit den Prozessen im Körper inklusive des Gehirns verknüpft werden kann. Und sich mit der Verknüpfung das Kombinations- und das Dominanz-Problem lösen lassen. Beide Probleme sind ja auch bei der gemäßigten Variante vorhanden.
Sie wurde zum Auspunktpunkt meiner Suche nach der Erklärung des Bewusstseins. Aber die Existenz der inneren Naturen war bislang spekulativ. Mein erster Schritt musste also darin bestehen, sie zu begründen. Es gibt einen Ansatz: Wenn sie wirklich existieren, dann muss man davon ausgehen, dass die Elementarteilchen, Atome und Moleküle aus ihnen hervorgehen. Das stellt einen Zusammenhang zwischen den inneren Naturen und der Physik her. Könnte damit nicht der indirekte Nachweis gelingen? Der besteht darin, dass sich mit den inneren Naturen ein fundamentales Rätsel lösen lässt. Hierfür suchte ich mir das aus der Quantentheorie kommende Phänomen der Verschränkung aus, neben dem Bewusstsein das wohl mysteriöseste Rätsel überhaupt. Also müssen wir uns etwas mit der Quantentheorie beschäftigen. Wobei ich es auf das notwendige Minimum beschränke. Starten wir jetzt damit, wie sie entstanden ist.