Der Zwei-Aspekte-Monismus

Im Jahr 2009 begann ich mich mit unserem Bewusstsein zu beschäftigen. Wie wird es erzeugt? Das ist ein völliges Rätsel. Und es ist einzigartig. Denn es gibt zwar viele Rätsel. Wie zum Beispiel die bislang nicht mögliche Vereinigung der Quantentheorie mit der allgemeinen Relativitätstheorie. Oder das Rätsel des Ursprungs des Lebens und der Krankheit Krebs. Aber bei allen diesen Rätseln gibt es zumindest Lösungsansätze. Anders beim Bewusstsein.
Was ist eigentlich Bewusstsein? Manche sagen, dass es das ist, was auftaucht, wenn wir morgens aufwachen und das verschwindet, wenn wir abends einschlafen. Wobei wir auch im Schlaf phasenweise bei Bewusstsein sind. Nämlich immer dann, wenn wir träumen. Die Besonderheit beim Träumen besteht darin, dass es weder einen Input von den Sinnesorganen, noch einen Output an die Muskeln gibt. Das Gehirn ist vielmehr voll und ganz mit sich selbst beschäftigt.
Allgemein akzeptiert ist die Definition von Bewusstsein als einem Erleben. Man erlebt das, was von den Sinnesorganen und dem Körper kommt. Man erlebt aber auch Erinnerungen und abstrakte Gedanken. Begleitet wird das von Gefühlen und Emotionen, auch sie gehören zum Bewusstsein. All das ist mit „Erleben“ gemeint. Wobei man üblicherweise hinzufügt, dass es sich um ein „subjektives“ Erleben handelt. Weil es für Außenstehende nicht sichtbar ist. Nur ich selbst weiß von meinem Erleben. Ich kann zwar darüber berichten, aber für mein Gegenüber lässt sich nicht feststellen, ob das stimmt, was ich sage. Daher der Zusatz „subjektiv“.
Unser gesamtes Dasein besteht ausschließlich aus dem Bewusstsein. Denn wir kennen nur das mit ihm verbundene Erleben, etwas Anderes kennen wir nicht. Verschwindet das Bewusstsein, dann verschwindet auch die Wahrnehmung unserer Existenz. Ohne Bewusstsein weiß ich nicht, dass ich existiere. Was zeigt, dass es für uns das wichtigste Phänomen überhaupt ist.
Daher stellten sich die Menschen wohl schon immer die Frage, wie das Bewusstsein erzeugt wird. Besonders intensiv wurde und wird diese Frage von den Neurowissenschaftlern und den Philosophen gestellt. Für die Neurowissenschaftler ist die Sache klar: Das Bewusstsein wird voll und ganz vom Gehirn erzeugt. Leider aber können sie auch nicht ansatzweise zeigen, wie das geschehen soll. Sicher ist allerdings, dass es einen Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Gehirn gibt. Das Bewusstsein ist nämlich völlig abhängig von der Gehirnaktivität. Ist sie stark verändert, wie beim Tiefschlaf oder bei der Narkose, dann verschwindet auch das Bewusstsein.
Zwar sind die Neurowissenschaftler dem Bewusstsein selbst, also wie es zum damit verbundenen Erleben kommt, bislang nicht nähergekommen. Trotzdem haben sie Fortschritte erzielt. In den letzten Jahren ist es ihnen nämlich gelungen, sogenannte Korrelate des Bewusstseins zu finden [9]. Damit ist gemeint, dass bestimmte Merkmale bei der Gehirnaktivität zeigen, dass sie mit Bewusstsein verbunden ist. Ich komme später darauf zurück.
Jetzt zu den Philosophen. Sie versuchen, dem Bewusstsein durch reines Nachdenken auf die Spur zu kommen. Nicht ganz erfolglos, wie wir gleich sehen werden.
Es gibt zwei Denkrichtungen. Die eine ist der Dualismus, der allerdings heute nur noch eine Außenseiterrolle spielt. Zurück geht er auf den Franzosen René Descartes (1596–1650), der sehr vielseitig war. Er war Jurist, Mathematiker, Physiker und Philosoph. Aber auch Soldat im Dreißigjährigen Krieg. Descartes jedenfalls sagte, dass Geist und Materie zwei völlig verschiedene Dinge sind. Wobei er nicht zwischen Geist und Bewusstsein unterschied. Das ist auch heute noch so üblich. Die Materie ist gemäß Descartes ausgedehnt, man kann sie daher mit den Sinnen wahrnehmen. Der Geist hingegen ist nicht ausgedehnt, man kann ihn daher auch nicht direkt wahrnehmen. Das ist der sogenannte Dualismus. Für seine Vertreter ist das Bewusstsein völlig losgelöst von jeder Materie, insbesondere also vom Gehirn. Das große Problem des Dualismus besteht darin, dass er nicht erklären kann, wie das Bewusstsein mit dem Gehirn wechselwirkt. Also warum es die klar vorhandene enge Beziehung zwischen Bewusstsein und Gehirn gibt. Das ist der Grund, warum der Dualismus heute nur noch eine Außenseiterrolle spielt.
Die zweite Denkrichtung ist der Monismus. In seiner Standardversion besagt er, dass Bewusstsein eine Eigenschaft der Materie ist. Und zwar genau der Materie, wie sie von der Physik beschrieben wird. Die Standardversion des Monismus nennt man daher auch den Physikalismus. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die gesamte Realität von der Physik erfasst wird. Inklusive des Bewusstseins. Allerdings hat auch der Physikalismus ein riesiges Problem. Denn er kann nicht ansatzweise erklären, wie aus der Physik das subjektive Erleben des Bewusstseins entstehen soll, zum Beispiel das Erleben des Rots eines Sonnenuntergangs. Das nennt der australische Philosoph David Chalmers (geb. 1966) das „harte Problem“ [10].
Es gibt aber eine Version des Monismus, die einen kleinen Hoffnungsschimmer liefert. Sagen wir, sie liefert die Idee für einen Lösungsansatz. Das ist der sogenannte Zwei-Aspekte-Monismus.
Betrachten wir ein Elektron. Was „ist“ ein Elektron? Die Physik liefert seine unveränderlichen Eigenschaften, das sind die elektrische Ladung, die Masse und der Spin. Wenn die Physik von einem Elektron spricht, dann meint sie das Bündel seiner unveränderlichen Eigenschaften. Die aber zeigen nur, was ein Elektron „macht“, also wie es auf andere Objekte wirkt und umgekehrt von ihnen beeinflusst wird. Was durchaus vernünftig ist, denn wir können nur erkennen, was die Materie „macht“. Daher ist das auch genau das, was aus der Materie mit den Methoden der Physik herausgeholt werden kann. Aber viele Philosophen und auch manche Physiker vermuten, dass das nicht alles sein kann. Anschaulich gesprochen liefert für sie die Physik nur das, was die Oberfläche einer Substanz darstellt. Nennen wir die Oberfläche die äußere Natur der Materie und die Substanz ihre innere Natur. Sie stellt das dar, was die Materie „ist“. Bezüglich der Substanz muss die Physik stumm bleiben. Aber sie ist fundamentaler, denn ohne die Substanz gibt es keine Oberfläche. Daher wird die äußere Natur der Materie von ihrer inneren Natur erzeugt.
Auch der britische Philosoph, Mathematiker und Logiker Bertrand Russell (1872 – 1970) nahm an, dass die Materie eine innere Natur besitzt. Und er ging noch einen Schritt weiter, denn er brachte das Bewusstsein mit ins Spiel. Sinngemäß sagte er 1950 in seinem Essay „Mind and Matter“ das Folgende: „Wir wissen nichts über die innere Natur der Dinge. Es sei denn, unser Bewusstsein sagt uns etwas darüber aus.“
Genau das ist die Basis des Zwei-Aspekte-Monismus. Es gibt zwar nur die Materie, daher der Ausdruck „Monismus“. Sie hat aber zwei Aspekte. Der eine ist der physikalische in Form der äußeren Natur. Der andere ist die innere Natur, zu der die Physik zwar nichts sagen kann, aus der aber der physikalische Aspekt der Materie hervorgeht. Die innere Natur ist aufs Engste mit dem Bewusstsein verbunden, das ist die Kernaussage des Zwei-Aspekte-Monismus. Weiter oben habe ich gesagt, dass die Standardversion des Monismus der Physikalismus ist. Er geht davon aus, dass alles Physik ist. Also die gesamte Realität von ihr erfasst wird. Dazu gehört selbstverständlich auch das Bewusstsein, aber bislang konnte die Physik nichts zu ihm sagen, das ist das „harte Problem“. Der Zwei-Aspekte-Monismus ist anders. Nicht alles ist Physik, sie liefert nur einen Aspekt der Materie, nämlich ihre äußere Natur. Es gibt noch einen anderen, der ist nicht-physikalisch und stellt die innere Natur der Materie dar. Er liefert die Grundlage für das Bewusstsein.
Wobei es vom Zwei-Aspekte-Monismus zwei Varianten gibt, eine radikale und eine gemäßigte. Für die radikale Variante stellt die innere Natur der Materie bereits Bewusstsein dar. Das mit ihm verbundene Erleben besteht also aus der inneren Natur. Die entscheidende Frage ist aber, ob die radikale Variante in Einklang mit dem menschlichen Bewusstsein steht. Die innere Natur jedes Atoms und Moleküls unseres Körpers trägt dann zu unserem Erleben bei, liefert ein Mikro-Erleben. Es gibt zwei Probleme. Erstens haben wir ein zwar strukturiertes, aber einheitliches Erleben. Wie also werden die unzähligen Mikro-Erleben vereinigt? Das nennt man das Kombinations-Problem und seine Lösung ist völlig unklar. Zweitens ist unser Erleben auf das Gehirn konzentriert. Was bewirkt das Unterdrücken des Rests des Körpers? Auch hierfür gibt es nicht den Hauch einer Erklärung. Nennen wir es das Dominanz-Problem.
Für die gemäßigte Variante besteht die innere Natur der Materie aus Proto-Bewusstsein, stellt also eine Vorstufe des Bewusstseins dar. Wobei unklar bleibt, wie das Proto-Bewusstsein zu Bewusstsein wird. Trotzdem ist dieser Ansatz vom Grundsatz her deutlich besser. Denn das Erleben ist nicht einfach „da“ wie bei der radikalen Variante. Es wird vielmehr durch einen Prozess erzeugt. Der aus Proto-Bewusstsein Bewusstsein macht und erst das führt zu einem Erleben. Zwar ist der Prozess bislang unbekannt, es ist aber durchaus vorstellbar, dass er mit den Prozessen im Körper inklusive des Gehirns verknüpft werden kann. Und sich mit der Verknüpfung das Kombinations- und das Dominanz-Problem lösen lassen. Beide Probleme sind ja auch bei der gemäßigten Variante vorhanden.