Die Neo-Seele

Ich wiederhole nochmals: Zu jeder Sorte Atom oder Molekül gibt es genau eine einzige innere Natur in der vom Raum losgelösten inneren Welt. Die Idee der inneren Naturen stammt nicht von mir, sie kommt vom Zwei-Aspekte-Monismus. Meine Idee ist, dass sie sich nicht in der räumlichen Welt, sondern in der vom Raum losgelösten inneren Welt befinden. Damit lässt sich das Phänomen der Verschränkung erklären, was die Begründung sowohl für die inneren Naturen als auch für die innere Welt liefert. Ganz entscheidend ist, dass aus den inneren Naturen die physikalischen Eigenschaften hervorgehen. Also die Atome und Moleküle, die ja als die Bündel ihrer physikalischen Eigenschaften betrachtet werden. Das muss man sich so vorstellen, dass die entsprechende innere Natur am Ort des Atoms oder Moleküls an die räumliche Welt anbindet, was das Auftauchen der physikalischen Eigenschaften und somit die Existenz der Atoms oder Moleküls bewirkt. Die inneren Naturen enthalten also alle Informationen über die entsprechenden Atome und Moleküle. Daher stellt jede innere Natur die geistige Version vom jeweiligen Atom oder Molekül dar. Sie ist fundamentaler, was zur traditionellen Vorstellung der Seele passt. Die inneren Naturen sind Proto-Bewusstsein und bei jeder Bildung eines entsprechenden Atoms oder Moleküls entsteht aus ihm dann Bewusstsein. Auch das passt zur Seele. Und es gibt noch eine dritte Gemeinsamkeit: Die innere Welt ist losgelöst von Raum und Zeit, daher sind alle inneren Naturen unvergänglich.
Also kann man die innere Natur eines Atoms oder Moleküls als seine Seele bezeichnen, wobei ich den Ausdruck Mikro-Neo-Seele bevorzuge.
Für Platon haben die Seelen keinen Anfang. Für das Christentum wird die Seele eines Menschen bei seiner Zeugung von Gott geschaffen. Wann entsteht eine Mikro-Neo-Seele? Wann zum Beispiel ist die der Wasserstoffatome entstanden? Die Antwort: Als das allererste Wasserstoffatom in der räumlichen Welt entstanden ist, das geschah etwa 400.000 Jahre nach dem Urknall. Da hatte sich die räumliche Welt so weit abgekühlt, dass sich Protonen und Elektronen vereinigen konnten. So entstand das erste Wasserstoffatom und bei seiner Entstehung kam es zu einer neuen inneren Natur, der der Wasserstoffatome. Jede Mikro-Neo-Seele entstand also dann, als ihr entsprechendes Atom oder Molekül das erste Mal im Universum auftauchte.
Jetzt zu uns Menschen. Alle Moleküle unseres Körpers bilden ein riesiges Netzwerk. Anschaulich gesprochen können sie als ein einziges gigantisches Molekül betrachtet werden, das genau unseren Körper darstellt. Daher haben wir auch nur eine einzige innere Natur, die für jeden Menschen individuell ist. Sie bindet dort, wo wir uns gerade befinden, an die räumliche Welt an. Sorgt so für den Körper und erzeugt zusammen mit dem Gehirn das Bewusstsein. Und, ich muss das eigentlich nicht mehr betonen, unsere innere Natur ist unvergänglich, überdauert den Tod. Daher ist die Bezeichnung Neo-Seele gerechtfertigt.
Das traditionelle Seelenkonzept besagt, dass die Seele das wahre „Ich“ eines Menschen darstellt. Wenn ich die Welt um mich herum betrachte, dann scheint es tatsächlich einen Beobachter zu geben und der bin genau „Ich“. Woher aber kommt dieses Ich-Gefühl? Das ist eines der größten Rätsel überhaupt. Man kann die vielen Lösungsvorschläge auf zwei grundlegende Konzepte reduzieren. Das eine ist das Seelen-Konzept. Sie ist das „Ich“, sie stellt den Beobachter dar. Oder aber, das ist das zweite Konzept, das „Ich“ entsteht im Bewusstsein, es gibt keinen von ihm losgelösten Beobachter. Das erste Konzept spielt heute kaum noch eine Rolle. Wird es von der Neo-Seele wieder in den Vordergrund gespült? Nein, denn die Neo-Seele stellt keinesfalls einen Beobachter dar. Das „Ich“ muss vom Bewusstsein selbst kommen, die Neo-Seele favorisiert also entgegen der ersten Vermutung ganz klar das zweite Konzept. Hierzu gibt es einige Lösungsvorschläge, auf die ich aber nicht näher eingehen will.
Platon dachte, die Seele wäre im Körper gefangen und sollte anstreben, ihn zu verlassen. Was bedeutet, dass schon die Seele allein das Leben möglich macht, also zur Wahrnehmung der eigenen Existenz führt. Das wird auch im Christentum unterstellt, denn schon die Seele allein kann ja direkt nach dem Tod die Freuden des Paradieses oder die Qualen des Hades erleben. Wobei die Situation weniger klar ist als bei Platon, denn es wird im Christentum ja auch gesagt, dass der Mensch erst am Jüngsten Tag wieder vollständig ist, wenn sich der von Gott geschaffene Körper mit der Seele vereint. Die Neo-Seele sorgt für klare Verhältnisse: Für die Wahrnehmung unserer Existenz sind sowohl sie auch der Körper nötig. Erst beides zusammen führt zur Entstehung des Bewusstseins. Also dazu, dass ich weiß, dass ich existiere.
Was ist von den Nahtoderfahrungen zu halten? In der ersten Phase wird typischerweise von außerkörperlichen Erfahrungen berichtet und als Paradebeispiel dient der Fall der Amerikanerin Pamela Reynolds. Sie litt an einem sogenannten Aneurysma im Gehirn. Das ist eine Art Blase in einem Blutgefäß, und das Risiko war groß, dass diese Blase platzen könnte. Mit fatalen Folgen. Daher unterzog sie sich 1991 einer sehr komplizierten Operation. Ihr Körper wurde auf 10-14 °C heruntergekühlt und Herz und Atmung setzten aus. Es gab dann auch keine Gehirntätigkeit mehr, sie war klinisch tot. Trotzdem konnte sie hinterher die von den Chirurgen bei der Operation benutzten Werkzeuge gut beschreiben. Sie will sie gesehen haben, als sie über dem Operationstisch schwebte. Das unterstellt Bewusstsein losgelöst vom Körper, was zwar ganz im Sinne des traditionellen Seelenkonzepts ist, aber der Neo-Seele völlig widerspricht. Mit ihr ist Bewusstsein nur in Kombination mit Gehirnaktivität möglich. Offensichtlich hat Pamela Reynolds die Werkzeuge daher wahrgenommen, als bei ihr noch Gehirnaktivität vorhanden war und das Schweben über dem Operationstisch stellte eine Fehlfunktion des Gehirns dar. Dazu passt, dass sich praktisch die gleichen Nahtoderfahrungen auch in ganz anderen Situationen zeigen, wo die Menschen sich keineswegs körperlich an der Schwelle zum Tod befinden. Zum Beispiel bei der Meditation oder bei großer Todesangst.
Schon die Samen- und Eizelle haben je eine Neo-Seele. Bei ihrer Verschmelzung entsteht eine neue Neo-Seele. Auch jede Veränderung beim heranwachsenden Embryo führt zu einer neuen Neo-Seele. Sie werden ständig umfangreicher. Natürlich nicht im räumlichen Sinne, sie sind ja losgelöst vom Raum, sondern in dem Sinne, dass sie immer mehr Information enthalten. Erst wenn das Wachstum des Körpers beendet ist, hört das auf. Aber der Körper verändert sich trotzdem ständig, er beginnt zu altern. Jede Veränderung führt zu einer neuen Neo-Seele. Auch direkt nach dem Tod gibt es noch neue Neo-Seelen. Doch der Körper beginnt zu zerfallen, das gilt dann auch für die Neo-Seelen. Irgendwann sind sie zu einer riesigen Zahl von Mikro-Neo-Seelen geworden und stellen zweifellos nicht mehr die individuelle Neo-Seele eines Menschen dar.
Wir haben also eine unermessliche Zahl von Neo-Seelen in der Vergangenheit gehabt und ständig, mit jedem Moment, kommt eine neue hinzu. Nur die Neo-Seele der Gegenwart bindet an unseren Körper an. Alle unsere Neo-Seelen der Vergangenheit können das nicht mehr, denn unsere Körper der Vergangenheit sind ja aus der räumlichen Welt verschwunden. Natürlich sind alle unsere Neo-Seelen unvergänglich, überdauern den Tod. Sie enthalten die Informationen über alle Körper des irdischen Lebens. Sorgen sie nach dem Tod aber auch für ein neues Leben? Ja, und es gibt sogar zwei Versionen.