Das Leben nach dem Tod – Der bisherige Stand

Wir Menschen zeichnen uns nicht durch den Körper aus, sondern durch das Gehirn. Es stellt das komplexeste Objekt dar, das wir kennen. Selbst der größte Computer ist verglichen mit ihm völlig primitiv. Es ermöglicht kluge Entscheidungen auch in unübersichtlichen Situationen und es erlaubt zielführende Planung. Das macht uns allen Tieren überlegen. Aber unser Gehirn hat auch einen riesengroßen Nachteil. Im Gegensatz zu allen Tieren ist uns Menschen nämlich klar, dass wir eines Tages sterben werden. Wir versuchen das zwar zu verdrängen, aber das gelingt nicht immer. Denn es sterben Angehörige und Freunde und das zeigt uns unsere Vergänglichkeit. Trotzdem können wir uns nicht wirklich vorstellen, dass wir irgendwann nicht mehr existieren werden. Das nennt man auch das Sterblichkeitsparadoxon. Wir wissen, dass wir sterben werden, aber wir wollen es nicht akzeptieren. Daher hat die Menschheit schon immer versucht, ein neues Leben nach dem Tod zu begründen. Letztlich gibt es hierzu zwei Konzepte. Das eine ist die Seele, das andere ist die Auferstehung. Die Existenz der Seele garantiert ein automatisches neues Leben, die Auferstehung erfolgt mit der Hilfe Gottes. Wobei es hierbei auch der Seele bedarf, allerdings hat sie dann eine andere Funktion, wie ich gleich erläutern werde.
Sowohl die Seele als auch die Auferstehung haben heute ein großes Problem, denn sie lassen sich mittels der Naturwissenschaften nicht begründen. Trotzdem spielt zumindest die Seele nach wie vor eine dominante Rolle. In Deutschland glauben 60 % an ihre Existenz. Sie sind entweder davon überzeugt, dass schon die unsterbliche Seele alleine ein neues Leben garantiert. Oder sie gehen davon aus, dass es die Seelenwanderung, also die Reinkarnation, gibt. Das ist aktuell eine auch im Westen sehr populäre Vorstellung, Ich greife vorweg: In diesem Buch begründe ich, dass die Seele alleine kein Leben führen kann, das funktioniert nur in Kombination mit einem (neuen) Körper. Und ich zeige, dass die Reinkarnation völlig unmöglich ist. Das einzige Konzept für ein neues Leben nach dem Tod ist daher die Auferstehung. Hierzu bedarf es der Hilfe von außen. Die kann von Gott kommen, es gibt aber auch eine weltliche Version.
Es war der griechische Philosoph Platon (428 – 347 v. Chr.), der die erste Theorie der Seele entwickelte. Demnach ist sie das wahre „Ich“ und kann auch unabhängig vom materiellen Körper existieren. Aber umgekehrt kann er nicht ohne die Seele existieren, zumindest nicht als lebendiger Körper. Denn es ist die Seele, die ihm das Leben verleiht. Tatsächlich war für Platon der Körper minderwertig oder zumindest unvollkommen. Daher nannte er ihn das „Grab der Seele“ und eine Trennung von ihm ist erstrebenswert. Was dann auch beim Tod tatsächlich passiert. Diese Vorstellung hat sich bis heute gehalten. Wer an die Existenz der Seele glaubt, der ist auch davon überzeugt, dass sie sich beim Tod vom Körper löst und ein eigenständiges Leben im Jenseits führt. Oder wieder in einem anderen Körper auftaucht. Folglich ist der tote Körper dann seelenlos, wie die leeren Augen eindrucksvoll zeigen.
Was passiert mit der Seele nach dem Tod? Das schildert Platon in einigen Mythen. Betrachten wir beispielhaft die Apologie des Sokrates. Bekanntlich war Sokrates (469 – 399 v. Chr) der Lehrer Platons und dieser hat in seinen Werken typischerweise seine Gedanken Sokrates in den Mund gelegt. Gegen Sokrates wurde das Todesurteil verhängt, wegen schlechter Beeinflussung der Jugend und Missachtung der Götter. Seine Hinrichtung geschah durch den Schierlingsbecher. Er enthält das tödliche Gift einer Pflanze, dem Gefleckten Schierling, und stellte in der Antike eine durchaus übliche Hinrichtungsmethode dar. Die von Platon verfasste Apologie des Sokrates liefert seine Verteidigungsrede vor Gericht. Das Schicksal der Seele nach dem Tod wird von ihm optimistisch geschildert: Er geht davon aus, dass sie ein eigenständiges Leben im Totenreich führt, mit dem identischen „Ich“ des irdischen Lebens. Dort trifft sie bedeutende Persönlichkeiten. Sokrates erwartet, dass sie im Totenreich gerecht behandelt wird. Im Gegensatz zu seiner ungerechten Behandlung durch die irdische Justiz.
Platon glaubte aber auch an die Seelenwanderung. Die Seele trennt sich zwar beim Tod vom Körper und zieht ins Totenreich ein, sie kehrt aber immer wieder in neue Körper zurück. Das endet erst am Ende der Zeiten. Die Seele vereinigt sich dann mit dem Göttlichen.
Kommen wir jetzt zum Christentum. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist sein ganz zentraler Kern und er geht auf Jesus Christus zurück. Er wurde gekreuzigt und ist gestorben. Aber sein Grab war nach drei Tagen leer und er erschien seinen Jüngern. Das konnte ein paar Jahre später der Apostel Paulus, der Jesus vermutlich gar nicht persönlich gekannt hat, sehr gut „verkaufen“. Was zum Erfolg des Christentums führte. Wir sterben zwar, so seine Botschaft, bekommen aber nach dem Tod am Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung aller Verstorbenen, einen neuen Körper. Der ist von Gott geschaffen und gegenüber dem irdischen Körper entscheidend verbessert. Insbesondere macht er ein ewiges Leben möglich. Allerdings gibt es noch die Hürde des Jüngsten Gerichts. Gott bewertet dann das irdische Leben und entscheidet über Himmel und Hölle. Also über ewige Glückseligkeit oder ewige Qualen.
Das Konzept der Auferstehung stellte zunächst eine attraktive Alternative zum Konzept der Seele dar, sie war nicht mehr nötig. Aber bald kam es zu einem Problem. Denn Paulus ging davon aus, dass der Jüngste Tag sehr nahe ist, noch zu seinen Lebzeiten kommen wird. Doch die Jahrzehnte vergingen und nichts passierte. Es drängte sich daher mehr und mehr die Frage auf, was mit den Verstorbenen zwischen dem Tod und der Auferstehung geschieht. Außerdem traute man selbst Gott nicht zu, dass er am Jüngsten Tag einen neuen Körper erschaffen kann, der dem gleichen Menschen entspricht, dessen alter Körper längst völlig verwest war. So kam dann doch das Seelenkonzept des Platon ins Spiel. Es wurde mit dem Konzept der Auferstehung kombiniert. Das geschah ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. und setzte sich schließlich durch. Jeder Mensch hat, ganz gemäß Platon, neben seinem sterblichen Körper eine unsterbliche Seele, die das „Ich“ darstellt. Tatsächlich enthält sie unser ganzes Leben. Sie lässt nichts aus, nicht die kleinste Kleinigkeit. Gemäß Platon ist der Körper nur eine Last, für die Seele ist es daher das höchste Ziel, sich von ihm zu befreien. Das Christentum sieht das ganz anders. Die Seele allein stellt gewissermaßen nur ein Hilfsmittel dar. Sie wird benötigt, damit der auferstandene Mensch mit dem verstorbenen Menschen identisch ist. Und nicht nur mit dem verstorbenen Menschen im Augenblick seines Todes. Der auferstandene Mensch spiegelt vielmehr sein gesamtes irdisches Leben wider. Das gelingt dank der Seele.
Allerdings gab es in der Kirchengeschichte ständig Diskussionen darüber, was zwischen Tod und allgemeiner Auferstehung passiert. Also was für ein Leben die Seele allein führt. Dem lag die Vorstellung zu Grunde, dass in Himmel und Hölle die Zeit parallel zu unserer Zeit abläuft. Zweifellos aber herrscht in ihnen nicht die irdische Zeit. Sie wird ganz anders beschaffen sein, jedoch übersteigt das unser Erkenntnisvermögen. Jedenfalls gehen heute viele Theologen davon aus, dass es in Himmel und Hölle kein Warten auf den Jüngsten Tag gibt. Der individuelle Tod und die allgemeine Auferstehung am Jüngsten Tag fallen daher zusammen. Das bedeutet, dass sich die Frage, was die Seele für ein Leben führt, überhaupt nicht stellt. Denn Gott schafft aus ihr direkt beim Tod einen neuen Körper. Der dann, ich betone es nochmals, das gesamte irdische Leben widerspiegelt. Bis in die kleinste Kleinigkeit. Alle Dinge, die wir jetzt vergessen haben, tauchen dann wieder auf.
Was ist mit dem Jüngsten Gericht? Im Mittelalter wurde das Leben noch von der Angst vor ihm beherrscht. Heute sieht man das sehr viel gelassener. Die Theologen sagen, dass Gott kein Urteil im Sinne unserer menschlichen Gerichte fällt. Vielmehr erkennt der Mensch im Angesicht Gottes voll und ganz sich selbst. Alle seine im irdischen Leben begangenen guten und schlechten Taten tauchen vor ihm auf. Wir selbst fällen dadurch im Tod das Urteil über uns. Aber Gott ist barmherzig, so dass es, von Ausnahmefällen abgesehen, stets zu einer Läuterung kommt und wir dann in den Himmel, also das Reich Gottes, einziehen können. Wie sieht das Leben dort aus? Dazu wird vom Christentum nicht viel gesagt. Man sagt nur, dass es von der Gemeinschaft mit Gott beherrscht wird, was ewige Glückseligkeit bedeutet.
Im Islam umfasst der Weg in den Himmel oder die Hölle drei Prüfungen. Die erste erfolgt direkt nach dem Tod, die zweite ähnelt der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht des Christentums, die dritte ist der Gang über eine spezielle Brücke. Sie ist „dünner ist als ein Haar und schärfer als ein Schwert“ und stellt den Vollzug des Urteils des Jüngsten Gerichts dar. Es ist also keine wirkliche Prüfung, da das Ergebnis feststeht. War das Urteil des Jüngsten Gerichts positiv, so gelangt der Verstorbene auf die andere Seite der Brücke, wo er in den Himmel eintritt. Die mit negativem Urteil aber stürzen in die Tiefe, wo sie die Hölle erwartet. Der Himmel wird im Koran, im Gegensatz zur Bibel, sehr detailliert beschrieben. Dazu die Sure 56: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahestehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen voll Wein, von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen.“