Das Leben nach dem Tod – Der bisherige Stand

Wir Menschen zeichnen uns nicht durch den Körper aus, sondern durch das Gehirn. Es stellt das komplexeste Objekt dar, das wir kennen. Selbst der größte Computer ist verglichen mit ihm völlig primitiv. Es ermöglicht kluge Entscheidungen auch in unübersichtlichen Situationen und es erlaubt zielführende Planung. Das macht uns allen Tieren überlegen. Aber unser Gehirn hat auch einen riesengroßen Nachteil. Im Gegensatz zu allen Tieren ist uns Menschen nämlich klar, dass wir eines Tages sterben werden. Wir versuchen das zwar zu verdrängen, aber das gelingt nicht immer. Denn es sterben Angehörige und Freunde und das zeigt uns unsere Vergänglichkeit. Trotzdem können wir uns nicht wirklich vorstellen, dass wir irgendwann nicht mehr existieren werden. Das nennt man auch das Sterblichkeitsparadoxon. Wir wissen, dass wir sterben werden, aber wir wollen es nicht akzeptieren. Daher hat die Menschheit schon immer versucht, ein neues Leben nach dem Tod zu begründen. Letztlich gibt es hierzu zwei Konzepte. Das eine ist die Seele, das andere ist die Auferstehung. Die Existenz der Seele garantiert ein automatisches neues Leben, die Auferstehung erfolgt mit der Hilfe Gottes. Wobei es hierbei auch der Seele bedarf, allerdings hat sie dann eine andere Funktion, wie ich gleich erläutern werde.
Sowohl die Seele als auch die Auferstehung haben heute ein großes Problem, denn sie lassen sich mittels der Naturwissenschaften nicht begründen. Trotzdem spielt zumindest die Seele nach wie vor eine dominante Rolle. In Deutschland glauben 60 % an ihre Existenz. Sie sind entweder davon überzeugt, dass schon die unsterbliche Seele alleine ein neues Leben garantiert. Oder sie gehen davon aus, dass es die Seelenwanderung, also die Reinkarnation, gibt. Das ist aktuell eine auch im Westen sehr populäre Vorstellung, Ich greife vorweg: In diesem Buch begründe ich, dass die Seele alleine kein Leben führen kann, das funktioniert nur in Kombination mit einem (neuen) Körper. Und ich zeige, dass die Reinkarnation völlig unmöglich ist. Das einzige Konzept für ein neues Leben nach dem Tod ist daher die Auferstehung. Hierzu bedarf es der Hilfe von außen. Die kann von Gott kommen, es gibt aber auch eine weltliche Version.
Psyche ist das altgriechische Wort für Seele, die Psychologie ist demnach die Wissenschaft von der Seele. Sie ist aber seelenlos geworden, man verwendet nur noch den Begriff der Psyche. Darunter versteht man die Summe aller geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen.
Tatsächlich gibt es zwischen dem, was man heute unter der Psyche versteht und dem traditionellen Begriff der Seele einen sehr großen Unterschied. Bei der Psyche wird angenommen, dass sie aufs Engste mit dem Gehirn verbunden ist, dass also die geistigen Eigenschaften und die Persönlichkeitsmerkmale aus ihm hervorgehen. Wobei völlig unklar ist, wie das geschieht. Bei der Seele nimmt man hingegen an, dass sie etwas immaterielles Eigenständiges, vom Körper losgelöstes, darstellt. Aus ihr gehen die geistigen Eigenschaften hervor und sie repräsentiert die Identität jedes Menschen, also das „Ich“. Man kann es so ausdrücken: Ich bin meine Seele. Das kommt unserer intuitiven Vorstellung entgegen. Denn erstens ist der Geist, also das Bewusstsein, völlig anders als die Materie. Und zweitens ist das „Ich“ aufs Engste mit dem Geist verbunden und drückt dem Körper seinen Willen auf. Aber auch dieses Konzept hat einen großen Schwachpunkt, denn es kann nicht erklärt werden, wie die Seele mit dem Körper wechselwirkt.
Es war der griechische Philosoph Platon (428 – 347 v. Chr.), der die erste Theorie der Seele entwickelte. Demnach ist sie das wahre „Ich“ und kann auch unabhängig vom materiellen Körper existieren. Aber umgekehrt kann er nicht ohne die Seele existieren, zumindest nicht als lebendiger Körper. Denn es ist die Seele, die ihm das Leben verleiht. Tatsächlich war für Platon der Körper minderwertig oder zumindest unvollkommen. Daher nannte er ihn das „Grab der Seele“ und eine Trennung von ihm ist erstrebenswert. Was dann auch beim Tod tatsächlich passiert. Diese Vorstellung hat sich bis heute gehalten. Wer an die Existenz der Seele glaubt, der ist auch davon überzeugt, dass sie sich beim Tod vom Körper löst und ein eigenständiges Leben im Jenseits führt. Oder wieder in einem anderen Körper auftaucht. Folglich ist der tote Körper dann seelenlos, wie die leeren Augen eindrucksvoll zeigen.
Warum haben wir eine Seele? Platon begründet das damit, dass wir die perfekten Formen erkennen können. Heute würde man sagen, dass wir Mathematik betreiben können. Ein Teilgebiet von ihr stellt die Geometrie dar, in der zum Beispiel die perfekten Dreiecke betrachtet werden. In der Realität, also in der räumlichen Welt um uns herum, gibt es hingegen keine perfekten Dreiecke.
Die uralte Frage lautet, ob die Mathematik eine Erfindung des Menschen darstellt oder ob sie eine unabhängige Existenz besitzt. Das ist bis heute umstritten. Aber die meisten Mathematiker und erst recht die Physiker tendieren zur unabhängigen Existenz. Diese Vorstellung geht auf die perfekten Formen des Platon zurück. Schließen wir uns der Mehrheit an und sagen, dass die Welt der Mathematik unabhängig von uns existiert. Aus was besteht dann das Universum? Per Definition stellt es die Gesamtheit von dem dar, was existiert. Folglich umfasst es zwei Welten. Einmal die räumliche Welt, das ist die Welt aus Materie und Energie, eingebettet in Raum und Zeit. Zum Universum gehört aber auch noch die Welt der Mathematik, der wir ja eine eigenständige Existenz losgelöst von uns Menschen zusprechen. Sie ist losgelöst vom Raum und daher überall in der räumlichen Welt verfügbar und überall völlig identisch. Und sie ist auch losgelöst von der Zeit und daher unveränderlich. Sie sah beim Urknall vor etwa 13,7 Milliarden Jahren exakt so aus, wie sie heute aussieht. Tatsächlich ist beim Urknall wohl nur die räumliche Welt entstanden, die Welt der Mathematik wird davon losgelöst existieren.
Der mathematische Physiker Roger Penrose (geb. 1931) geht von der Existenz von drei Welten aus, für ihn kommt noch die Welt des Bewusstseins hinzu. Zweifellos ist die räumliche Welt mit ihr verbunden, denn das Bewusstsein taucht ja in den Gehirnen auf. Wie aber wird es erzeugt? Da tappt man völlig im Dunkeln. Zwar haben die Neurowissenschaftler herausgefunden, dass es im Gehirn sogenannte Korrelate des Bewusstseins gibt. Damit ist gemeint, dass ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Bewusstsein und der Aktivität des Gehirns feststellbar ist. Woher aber kommt das, was wir mittels unseres Bewusstseins erleben? Also zum Beispiel das Rot eines Sonnenuntergangs. Dazu können die Neurowissenschaftler nichts sagen. Zwar gelingt es ihnen, die Struktur und Funktion des Gehirns mit ausgefeilteren Untersuchungsmethoden immer mehr zu entschlüsseln. Dem Bewusstsein selbst kommen sie aber nicht näher. Offensichtlich gibt es einen unüberwindlichen sehr tiefen Graben zwischen ihm und dem, was mittels der Methoden der Naturwissenschaften aufgedeckt werden kann. Was ganz klar zeigt, dass das derzeitige naturwissenschaftliche Weltbild unvollständig ist. Wie aber muss man es ergänzen? Dazu stelle ich in diesem Buch einen Vorschlag vor. Mit ihm kann tatsächlich unser Bewusstsein erklärt werden. Und nicht nur das, er liefert auch ein neues Konzept für die Seele und damit verbunden zwei Szenarien für das Leben nach dem Tod.
Hinsichtlich der mathematischen Fähigkeiten gibt es große Unterschiede bei den Menschen. Woher die kommen, ist unklar. Aber sicher ist, dass Mathematik eine Begabung darstellt, also etwas, was einem in die Wiege gelegt wird. Denn man kann sie nur sehr begrenzt lernen. Das zeigen die besten Mathematiker wie Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855) oder Bernhard Riemann (1826 – 1866), die schon als Kinder, also ohne große Vorkenntnisse, mathematische Wundertaten vollbrachten. Noch eindrucksvoller war der Inder Srinivasa Ramanujan (1887 – 1920). Der hatte gar keine Schulbildung, trotzdem flossen die mathematischen Erkenntnisse mühelos aus ihm heraus.
Warum haben wir einen Zugang zur Welt der Mathematik? Das ist rätselhaft, denn sie bringt keinen Überlebensvorteil mit sich. Warum dann sollten sich mathematische Fähigkeiten entwickelt haben? Keiner weiß es.
Zurück zu Platon uns seiner Begründung der Seele. Da wir die perfekten Formen (heute: Welt der Mathematik) erfassen können, müssen wir etwas ihnen Wesensverwandtes besitzen und das ist die unvergängliche Seele. Gemäß Platon besteht sie aus drei Teilen. Den vernunftbegabten mit Sitz im Gehirn, den triebhaften mit Sitz im Unterleib und schließlich den muthaften mit Sitz in der Brust. Der muthafte Seelenteil ordnet sich leicht der Vernunft unter, der triebhafte widersetzt sich. Das ist nachvollziehbar. Übrigens gestand Platon auch den Tieren und Pflanzen eine Seele zu.
Was passiert mit der Seele nach dem Tod? Das schildert Platon in einigen Mythen. Betrachten wir beispielhaft die Apologie des Sokrates. Bekanntlich war Sokrates (469 – 399 v. Chr) der Lehrer Platons und dieser hat in seinen Werken typischerweise seine Gedanken Sokrates in den Mund gelegt. Gegen Sokrates wurde das Todesurteil verhängt, wegen schlechter Beeinflussung der Jugend und Missachtung der Götter. Seine Hinrichtung geschah durch den Schierlingsbecher. Er enthält das tödliche Gift einer Pflanze, dem Gefleckten Schierling, und stellte in der Antike eine durchaus übliche Hinrichtungsmethode dar. Die von Platon verfasste Apologie des Sokrates liefert seine Verteidigungsrede vor Gericht. Das Schicksal der Seele nach dem Tod wird von ihm optimistisch geschildert: Er geht davon aus, dass sie ein eigenständiges Leben im Totenreich führt, mit dem identischen „Ich“ des irdischen Lebens. Dort trifft sie bedeutende Persönlichkeiten. Sokrates erwartet, dass sie im Totenreich gerecht behandelt wird. Im Gegensatz zu seiner ungerechten Behandlung durch die irdische Justiz.
Platon glaubte aber auch an die Seelenwanderung. Die Seele trennt sich zwar beim Tod vom Körper und zieht ins Totenreich ein, sie kehrt aber immer wieder in neue Körper zurück. Das endet erst am Ende der Zeiten. Die Seele vereinigt sich dann mit dem Göttlichen.
Kommen wir jetzt zum Christentum. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist sein ganz zentraler Kern und er geht auf Jesus Christus zurück. Er wurde gekreuzigt und ist gestorben. Aber sein Grab war nach drei Tagen leer und er erschien seinen Jüngern. Das konnte ein paar Jahre später der Apostel Paulus, der Jesus vermutlich gar nicht persönlich gekannt hat, sehr gut „verkaufen“. Was zum Erfolg des Christentums führte. Wir sterben zwar, so seine Botschaft, bekommen aber nach dem Tod am Jüngsten Tag, dem Tag der Auferstehung aller Verstorbenen, einen neuen Körper. Der ist von Gott geschaffen und gegenüber dem irdischen Körper entscheidend verbessert. Insbesondere macht er ein ewiges Leben möglich. Allerdings gibt es noch die Hürde des Jüngsten Gerichts. Gott bewertet dann das irdische Leben und entscheidet über Himmel und Hölle. Also über ewige Glückseligkeit oder ewige Qualen.
Das Konzept der Auferstehung stellte zunächst eine attraktive Alternative zum Konzept der Seele dar, sie war nicht mehr nötig. Aber bald kam es zu einem Problem. Denn Paulus ging davon aus, dass der Jüngste Tag sehr nahe ist, noch zu seinen Lebzeiten kommen wird. Doch die Jahrzehnte vergingen und nichts passierte. Es drängte sich daher mehr und mehr die Frage auf, was mit den Verstorbenen zwischen dem Tod und der Auferstehung geschieht. Außerdem traute man selbst Gott nicht zu, dass er am Jüngsten Tag einen neuen Körper erschaffen kann, der dem gleichen Menschen entspricht, dessen alter Körper längst völlig verwest war. So kam dann doch das Seelenkonzept des Platon ins Spiel. Es wurde mit dem Konzept der Auferstehung kombiniert. Das geschah ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. und setzte sich schließlich durch. Jeder Mensch hat, ganz gemäß Platon, neben seinem sterblichen Körper eine unsterbliche Seele, die das „Ich“ darstellt. Tatsächlich enthält sie unser ganzes Leben. Sie lässt nichts aus, nicht die kleinste Kleinigkeit. Gemäß Platon ist der Körper nur eine Last, für die Seele ist es daher das höchste Ziel, sich von ihm zu befreien. Das Christentum sieht das ganz anders. Die Seele allein stellt gewissermaßen nur ein Hilfsmittel dar. Sie wird benötigt, damit der auferstandene Mensch mit dem verstorbenen Menschen identisch ist. Und nicht nur mit dem verstorbenen Menschen im Augenblick seines Todes. Der auferstandene Mensch spiegelt vielmehr sein gesamtes irdisches Leben wider. Das gelingt dank der Seele.
Allerdings gab es in der Kirchengeschichte ständig Diskussionen darüber, was zwischen Tod und allgemeiner Auferstehung passiert. Also was für ein Leben die Seele allein führt. Dem lag die Vorstellung zu Grunde, dass in Himmel und Hölle die Zeit parallel zu unserer Zeit abläuft. Zweifellos aber herrscht in ihnen nicht die irdische Zeit. Sie wird ganz anders beschaffen sein, jedoch übersteigt das unser Erkenntnisvermögen. Jedenfalls gehen heute viele Theologen davon aus, dass es in Himmel und Hölle kein Warten auf den Jüngsten Tag gibt. Der individuelle Tod und die allgemeine Auferstehung am Jüngsten Tag fallen daher zusammen. Das bedeutet, dass sich die Frage, was die Seele für ein Leben führt, überhaupt nicht stellt. Denn Gott schafft aus ihr direkt beim Tod einen neuen Körper. Der dann, ich betone es nochmals, das gesamte irdische Leben widerspiegelt. Bis in die kleinste Kleinigkeit. Alle Dinge, die wir jetzt vergessen haben, tauchen dann wieder auf.
Was ist mit dem Jüngsten Gericht? Im Mittelalter wurde das Leben noch von der Angst vor ihm beherrscht. Heute sieht man das sehr viel gelassener. Die Theologen sagen, dass Gott kein Urteil im Sinne unserer menschlichen Gerichte fällt. Vielmehr erkennt der Mensch im Angesicht Gottes voll und ganz sich selbst. Alle seine im irdischen Leben begangenen guten und schlechten Taten tauchen vor ihm auf. Wir selbst fällen dadurch im Tod das Urteil über uns. Aber Gott ist barmherzig, so dass es, von Ausnahmefällen abgesehen, stets zu einer Läuterung kommt und wir dann in den Himmel, also das Reich Gottes, einziehen können. Wie sieht das Leben dort aus? Dazu wird vom Christentum nicht viel gesagt. Man sagt nur, dass es von der Gemeinschaft mit Gott beherrscht wird, was ewige Glückseligkeit bedeutet.
Im Islam umfasst der Weg in den Himmel oder die Hölle drei Prüfungen. Die erste erfolgt direkt nach dem Tod, die zweite ähnelt der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht des Christentums, die dritte ist der Gang über eine spezielle Brücke. Sie ist „dünner ist als ein Haar und schärfer als ein Schwert“ und stellt den Vollzug des Urteils des Jüngsten Gerichts dar. Es ist also keine wirkliche Prüfung, da das Ergebnis feststeht. War das Urteil des Jüngsten Gerichts positiv, so gelangt der Verstorbene auf die andere Seite der Brücke, wo er in den Himmel eintritt. Die mit negativem Urteil aber stürzen in die Tiefe, wo sie die Hölle erwartet. Der Himmel wird im Koran, im Gegensatz zur Bibel, sehr detailliert beschrieben. Dazu die Sure 56: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahestehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen voll Wein, von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen.“
Für die Muslime muss das so sein, denn der Koran ist kein irdisches Buch, sondern kommt direkt von Allah, enthält also nur unantastbare und ewige Wahrheiten. Widerspricht etwas aus dem Koran den Naturwissenschaften, so ist für die Muslime klar, wer Recht hat.
Kommen wir zu den östlichen Religionen, das sind vor allem der Hinduismus und der Buddhismus. Auch für sie gibt es ein Leben nach dem Tod. Das ist aber ganz anders als das vom Christentum und vom Islam verkündete neue Leben. Es findet nämlich auf der Erde statt. Das ist das Konzept der Reinkarnation, des „wieder zu Fleisch werden“.
Auch gemäß Hinduismus und Buddhismus besitzt der Mensch eine Seele. Sie stellt das „Ich“ dar und überdauert den Tod. Allerdings gibt es keine Auferstehung, also die Verbindung mit einem von Gott aus ihr geschaffenen neuen Körper, der das alte Leben repräsentiert. Vielmehr wird die Seele nach dem Tod in einem anderen Körper wiedergeboren [1]. Die Ursache hierfür liegt im Karma. Jede Handlung erzeugt Karma. Je nach Art der Handlung wird schlechtes oder gutes erzeugt. Am Ende des Lebens bestimmt der Charakter des angesammelten Karmas, also ob insgesamt schlecht oder gut, die Form der Wiedergeburt. Besonders schlechtes Karma kann auch zur Wiedergeburt als Tier, beispielsweise als Hund, führen. Aber auch wenn die Wiedergeburt als Prinz geschieht, es ist gar nicht erstrebenswert, denn kein irdisches Leben ist wirklich erfreulich. Daher ist es das oberste Ziel jedes Hindu und Buddhisten, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Auch besonders gutes Karma bewirkt das allerdings nicht, da das Karma als der „Brennstoff“ für die Wiedergeburt betrachtet wird. Der Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gelingt daher nur dann, wenn gar kein Karma mehr vorhanden ist. Das zu erreichen, ist sehr schwierig, wobei der Hinduismus und der Buddhismus verschiedene Wege dahin aufzeigen. Tendenzmäßig muss man sich von allem loslösen, denn jedes Handeln oder Denken erzeugt ja wieder neues Karma. Wenn das gelingt, dann tritt man in das Nirvana (Buddhismus) bzw. Moksha (Hinduismus) ein. Dort ist die Loslösung vollendet. Das ist nicht das Nichts, kommt dem aber sehr nahe. Man gebraucht hierfür Worte wie „anhaftungslose Ruhe“. Wie ich schon festgestellt habe, werde ich in diesem Buch begründen, dass Reinkarnation völlig unmöglich ist.
Die Seele als Hilfsmittel und die mit ihr mögliche Auferstehung am Jüngsten Tag sind auch heute noch der zentrale Kern des Christentums bezüglich des Lebens nach dem Tod. Wobei nur etwa 10 % – 15 % der Christen in Deutschland an die Auferstehung glauben, die Seele alleine ist heute der bei ihnen vorherrschende Weg zur Unsterblichkeit [2]. Sie gehen also davon aus, dass die Seele allein für ein neues Leben nach dem Tod sorgt. Das ist aber nicht möglich, wie ich noch erläutern werde. Tatsächlich wird immer weniger über das Leben nach dem Tod in den christlichen Kirchen gelehrt und diskutiert. Das liegt wohl daran, dass es nicht mehr in das heutige von den Naturwissenschaften dominierte Weltbild passt. Hier in diesem Buch zeige ich, dass die für die Erklärung des Bewusstseins notwendige Ergänzung des naturwissenschaftlichen Weltbildes dazu führt, dass sich die Auferstehung sehr wohl begründen lässt. Sofern mein Buch Beachtung findet, könnte das zur Wiederaktivierung des Themas „Leben nach dem Tod“ in den christlichen Kirchen führen. Möglicherweise führt das dann dazu, dass der massive Rückgang der Kirchenmitglieder etwas abgebremst wird. Heute steht in den christlichen Kirchen die Anleitung zu sozial-karitativem Verhalten im Mittelpunkt. Offensichtlich aber ist das kein Erfolgsrezept.
Tatsächlich geht das Konzept der Seele weit über das Leben nach dem Tod hinaus. Denn sie zeigt dem Menschen, dass er etwas Besonderes ist, mit dem Göttlichen verwandt. Die Seele unterscheidet uns von den Tieren und sie macht jeden Menschen wertvoll. Daher bekam das Seelenkonzept nach und nach auch eine politische Komponente [3]. Es machte die Menschen zu Individuen mit dem Recht und dem Anspruch auf Gleichheit, Freiheit und Demokratie. Was ja schließlich auch zumindest in den meisten westlichen Zivilisationen realisiert wurde.
Aber wie schon angesprochen, gibt es ein riesiges Problem für die Seele: Ihre Existenz lässt sich mittels der Naturwissenschaften nicht begründen. Ich will nochmals betonen, dass sie aber einen großen Schwachpunkt haben, das ist die völlig fehlende Erklärung für das Bewusstsein. Tatsächlich habe ich mich zunächst überhaupt nicht mit der Seele und dem Leben nach dem Tod beschäftigt, sondern mit unserem Bewusstsein. Das geschah ab 2009 und ich wollte unbedingt zeigen, wie es erzeugt wird. Wie ich in den nächsten Kapiteln erläutern werde, ist das mir auch gelungen. Das ist zwar kaum zu glauben, aber Sie können sich ja gleich ein eigenes Urteil bilden. Jedenfalls brachte mich die Erklärung des Bewusstseins dann auch zu den Themen Seele und Leben nach dem Tod. Worauf ich natürlich noch ausführlich zurückkommen werde.
Was ist mit den Nahtoderfahrungen? Stellen sie den Blick ins Jenseits dar? Zweifellos nicht, zwei Gründe sprechen massiv dagegen.
Erstens zeigen sich praktisch die gleichen „Nahtoderfahrungen“ in ganz anderen Situationen, wo die Menschen sich keineswegs körperlich an der Schwelle zum Tod befinden. Zum Beispiel bei der Meditation oder bei großer Todesangst. Daher stellen die Nahtoderfahrungen ziemlich sicher eine Fehlfunktion des Gehirns dar. Unser Gehirn konstruiert die wahrgenommene Realität. Und da kann es in speziellen Situationen durchaus auch zu Fehlkonstruktionen kommen. Die dann beispielsweise zu der Illusion führen, dass man sich außerhalb des materiellen Körpers befindet. Oder dass man in einen Tunnel mit Licht am Ende blickt. Zu diesen speziellen Situationen gehört zweifellos das sterbende Gehirn in der Nähe des Todes. Dazu gehören aber beispielsweise auch, wie schon erwähnt, die Meditation und die große Todesangst.
Der zweite Grund, der gegen die Nahtoderfahrungen als Blick ins Jenseits spricht, ist die Tatsache, dass wir nur die Erinnerungen an sie kennen. Was wir als die Nahtoderfahrungen bezeichnen, stellt nie das Originalerlebnis dar. Alle Erinnerungen sind, so wie unsere Wahrnehmungen, stets eine Konstruktion des Gehirns. Und es kann nur das rekonstruieren (= Erinnerung), was es selbst in der Vergangenheit konstruiert hat (= Originalerlebnis). Es ist daher völlig unmöglich, dass man sich an Erlebnisse erinnert, die nicht mittels des Gehirns wahrgenommen worden sind. Die Nahtoderfahrungen, von denen berichtet wird, müssen daher gemacht worden sein, als im Gehirn noch oder wieder eine gewisse Aktivität vorhanden war.
Wie schon angekündigt, müssen wr uns zunächst dem Bewusstsein zuwenden.