Was passiert nach dem Tod?

Im letzten Kapitel habe ich erläutert, dass die innere Welt das vollkommene Gedächtnis für die räumliche Welt darstellt. Wir können uns hierbei auf die Erde beschränken. In jeder Sekunde werden innere Naturen in unermesslicher Zahl erzeugt, die die gesamte Information über die Erde für den entsprechenden Zeitpunkt enthalten und für immer in der inneren Welt archiviert werden. Wir sind im letzten Kapitel davon ausgegangen, dass die Menschen gegen Ende dieses Jahrhunderts die IW-Technologie (IW = Innere Welt) beherrschen werden, also die Information aus der inneren Welt herunterladen und verarbeiten können. Bleiben wir dabei und betrachten das Jahr 2100 als den Startpunkt der IW-Technologie. Ab diesem Jahr werden die Menschen daher in der Lage sein, die inneren Naturen der Erde (INE) in die PVR-Supercomputer (PVR = Perfekte Virtuelle Realität) herunterzuladen und zu verarbeiten.
Hierzu wieder zurück zu Karl-Heinz. Nehmen wir an, er stirbt im Jahr 2028. Im Moment seines Todes verschwindet sein Bewusstsein, denn wenn das Gehirn ohne Aktivität ist, gibt es in ihm keine Bildung mehr von Molekülen. Genau die ist aber nötig für sein Bewusstsein. Mit dem Tod versinkt Karl-Heinz daher in das völlige Dunkel der Nicht-Existenz. Aber 2100 wird eine der INE, die zu seinen Lebzeiten erzeugt wurden, heruntergeladen. Sie enthält auch alle Information über seinen Körper, den er zu dem entsprechenden Zeitpunkt hatte, bis ins allerkleinste Detail. Die Verarbeitung der heruntergeladenen Information bewirkt zweierlei. Einmal die Rekonstruktion seines Körpers als digitales 3D-Modell. Zum anderen wird die Hardware in Form von biologischem Material so verändert, dass es zu einer Rekonstruktion seines Gehirns kommt. In ihm findet die Bildung von Molekülen statt, dadurch taucht das Bewusstsein von Karl-Heinz wieder auf. Was bedeutet, dass er ein neues Leben bekommen hat. Wobei er von der Zeit seiner Nicht-Existenz selbstverständlich nichts merkt, ihm kommt es so vor, als ob er direkt nach dem Tod wieder aufwacht.
Im letzten Kapitel habe ich ein eher einfaches Szenario mit dem Kölner Dom im Mittelpunkt präsentiert. Bleiben wir bei ihm, konzentrieren uns aber jetzt auf Aloys. Das ist einer der Dombau-Arbeiter im Jahr 1248, als mit dem Bau begonnen wurde. Wir springen ins Jahr 2100, in dem das Herunterladen und Verarbeiten der INE möglich wird. Wir laden INE in großer Zahl herunter, und zwar vom Zeitpunkt der Geburt von Aloys bis zum Zeitpunkt seines Todes. Wir müssen nicht die gesamten INE herunterladen, es genügt die Information über Aloys und seine Umgebung. Dann kann sein Leben perfekt auf einem der PVR-Supercomputer simuliert werden und er hat auch wieder Bewusstsein. Er erlebt dann sein gesamtes Leben noch einmal und merkt nicht, dass er sich im Jahr 2100 in einer virtuellen Realität befindet. Und er weiß auch nicht, dass er bereits gestorben ist und es sich um eine Wiederholung seines ersten Lebens handelt. Aloys ist somit zwar von den Toten auferstanden, aber sein neues Leben ist zweifellos nicht das, was wir uns unter einem Leben nach dem Tod vorstellen.
Aber auch ein wirklich neues Leben ist für Aloys möglich. Hierzu nehmen wir eine einzige INE, beispielsweise die vom 15. August 1248 um Punkt 12 Uhr. Jetzt aber laden wir keine weiteren INE herunter, wir lassen vielmehr die virtuelle Realität sich frei entwickeln. Die Entwicklung erfolgt so wie bei der echten Realität, also gemäß den gleichen physikalischen Gesetzen. Jetzt könnte man meinen, dass die Entwicklung der virtuellen dann genau der Entwicklung der echten Realität ab dem Startpunkt, also dem 15. August 1248 um Punkt 12 Uhr, entspricht. Das ist aber nicht der Fall, denn der Zufall spielt bei beiden Entwicklungen eine sehr wichtige Rolle, dadurch wird sich die virtuelle Realität anders entwickeln, als sich die echte Realität entwickelt hat. Die Unterschiede sind zwar anfangs sehr klein, können aber schließlich dramatisch ausfallen. Es könnte beispielsweise sein, dass in der virtuellen Realität der Bau des Kölner Doms nicht 1528 unterbrochen wird und seine Fertigstellung daher viel früher erfolgt.
Was ist mit Aloys? Sieht er sich ab dem 15. August 1248 in der virtuellen Realität als identisch mit dem Aloys vor diesem Zeitpunkt in der echten Realität an? Ihm kommen keine Zweifel, denn erstens hat er in der virtuellen Realität alle Erinnerungen an die zurückliegende Existenz in der echten Realität und zweitens ist es ein nahtloser Übergang, es gibt keinen „Filmriss“. Sein neues Leben entwickelt sich zwar zunächst so ähnlich wie sein erstes Leben, aber die Unterschiede werden mit der Zeit immer größer. Betrachten wir hierzu zwei Beispiele.
Am 17. August 1248, also zwei Tage nach dem Startpunkt, entscheidet er sich im ersten Leben dafür, eine neue Wohnung in der Nähe des Kölner Doms zu beziehen. Das bereut er bereits zwei Wochen später zutiefst, denn er ärgert sich ständig über den Lärm der Nachbarn. Was passiert im neuen Leben? Da wird er höchstwahrscheinlich die gleiche Entscheidung treffen. Denn er hat ja nur die Erinnerungen an die Zeit vor dem Startpunkt, von den lauten Nachbarn weiß er nichts. Und seit dem Startpunkt sind erst zwei Tage vergangen, so dass sich die echte und die virtuelle Realität noch kaum unterscheiden. Daher wird es sicherlich hinsichtlich seiner Entscheidung für die neue Wohnung keinen neuen Aspekt geben.
Er trifft auch alle Freunde und Bekannten wieder. Sie haben selbstverständlich gleichfalls ein neues Leben, das mit der simulierten echten Realität vom 15. August 1248 startet. Aloys ist mit Maria befreundet, das geht im neuen Leben auch zunächst so weiter. Tatsächlich hat er sie im ersten Leben zwei Jahre später geheiratet. Aber das neue Leben verläuft anders. Wie es der Zufall will, sieht er sie ein paar Monate nach dem Start des neuen Lebens mit einem anderen in einem Kölner Brauhaus. Was die Beziehung zu ihr schlagartig beendet.