Was passiert nach dem Tod?

Betrachten wir jetzt Kevin und Chantal aus Köln-Bickendorf. Kevin wurde am 24. August 1998 geboren, Chantal am 13. März 2000. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit und sind befreundet. Aber es kam nie zu einer engeren Beziehung. Tatsächlich hat Chantal 2018 Maximilian geheiratet und 2019 ein Kind bekommen. Kevin bleibt Junggeselle und stirbt am 15. April 2073. Chantal hat eine unglückliche Ehe und lässt sich 2022 scheiden. Sie heiratet nie wieder und stirbt am 18. Mai 2077.
Springen wir jetzt ins Jahr 2200, dem Jahr der allgemeinen Auferstehung hier auf der Erde. Es gibt wie erläutert zwei Vorgaben. Erstens sollen alle Menschen auferstehen, die jemals gelebt haben und zweitens soll das neue Leben nahtlos an das alte Leben anknüpfen. Letzteres, ich will das nochmals betonen, stellt zweifellos den größten Wunsch der Menschheit dar. Damit beide Vorgaben erfüllt werden, kann das neue Leben aufgrund des Platzproblems nur in der dann allerdings perfekten virtuellen Realität stattfinden und in ihr muss es eine riesige Zahl von virtuellen Paralleluniversen (abgekürzt VPU) geben. Die führen dazu, dass jeder Mensch sehr oft auferstehen wird. Wie schon festgestellt, ist das aber kein Problem, denn sie wissen nichts voneinander.
Zurück zu Kevin und Chantal. Nehmen wir jetzt vereinfachend an, dass sie nur dreimal auferstehen werden. Und zwar in VPU’s, die am 13. September 2009, am 17. Dezember 2021 und am 10. Januar 2068 starten. Um jede Verwirrung zu vermeiden: Natürlich befinden wir uns in der echten Realität im Jahr 2200, es sind die virtuellen Realitäten, die mit den echten Realitäten von diesen Zeitpunkten starten. Kevin und Chantal kommt es so vor, als ob sie direkt nach ihrem Tod wieder aufwachen und das gleich dreimal. Einmal als Kind, einmal als Erwachsener und einmal als alte Frau bzw. alter Mann.
Betrachten wir Kevin. Er stirbt am 15. April 2073 um 16:25 Uhr auf der Intensivstation und bekommt in drei unterschiedlichen VPU’s ein neues Leben. Sie knüpfen zwar alle nahtlos an das alte Leben an, aber keines der VPU’s startet mit seinem Tod auf der Intensivstation. Das könnte es zwar geben, aber das wäre reiner Zufall und keinesfalls zwingend. Die VPU’s, die in unterschiedlichen Situationen aus dem gesamten ersten Leben starten, sind der völlig neue Aspekt für das Leben nach dem Tod. Die innere Welt macht es möglich, denn sie stellt das vollkommene Gedächtnis dar, dadurch kann die gesamte Vergangenheit in die virtuelle Realität zurückgeholt werden. Kevin wacht daher zwar im Jahr 2200 wieder auf, aber mehrfach und in Umgebungen, die aus seinem gesamten ersten Leben kommen. Nehmen wir das VPU, das am 13. September 2009 startet. Kevin war da in der echten Realität 11 Jahre alt und er erwacht in diesem VPU daher nach dem Tod als 11-jähriger. Er führt sein Leben nahtlos fort, aber jetzt als Unsterblicher und das weiß er auch. Und er hat beim Start des VPU genau die Erinnerungen, die er zu diesem Zeitpunkt in der echten Realität hatte. Das gewährleistet die Kontinuität in dem Sinne, dass „Ich“ weiterlebe, jetzt aber unsterblich bin. Entsprechend wacht er nach seinem Tod in dem VPU, das am 17. Dezember 2021 startet, als 23-jähriger auf und führt sein Leben als jetzt unsterblicher 23-jähriger fort. Der Vollständigkeit halber: Das dritte VPU startet er als 70-jähriger alter Mann.
Die Forderung, dass alle auferstehen, verlangt sehr viele VPU’s, Kevin und Chantal werden daher sehr oft auferstehen, viel öfter als dreimal, aber das Prinzip bleibt das Gleiche. Es könnte also sein, dass es auch ein VPU gibt, das mit der echten Realität vom 15. April 2073 um 16:20 Uhr startet, das ist 5 Minuten vor Kevins Tod auf der Intensivstation. Er wacht also nach seinem Tod in diesem VPU in seinem Sterbebett auf, aber eben nicht direkt nach seinem Tod, sondern 5 Minuten vor seinem Tod. Er ist aber jetzt unsterblich. Das führt dazu, dass er quicklebendig die Intensivstation verlässt und nicht 5 Minuten später stirbt. Was besonders eindrucksvoll zeigt, dass die VPUs zwar stets in mit der echten Realität identischen Situationen starten, die weitere Entwicklung aber dann ganz anders verläuft. Weil es eben zwischen der echten Realität und den VPU’s einen entscheidenden Unterschied gibt und das ist die Unsterblichkeit aller Menschen. Ansonsten entwickeln sich die VPU’s ganz gemäß den physikalischen Gesetzen weiter.
Nach dem Tod erleben Sie also viele Stationen Ihres ersten irdischen Lebens nochmal. Aber jetzt als Unsterblicher. Was bedeutet, dass alle VPU’s, in denen Sie vorkommen, für Sie nie enden werden. Nochmals zurück zum VPU, das mit Kevin als 11-jährigem Kind startet. Er wird in ihm älter, ist schließlich 30 Jahre alt, und das VPU entwickelt sich immer weiter. Zweifellos aber wird sein Alterungsprozess dann aufhören, denn das entspricht dem Wunsch (fast) aller Menschen und dem kann in den VPU’s problemlos entsprochen werden. Irgendwann feiert Kevin seinen 500. Geburtstag, er hat aber immer noch den 30-jährigen Körper. Sein Leben wird nie enden, es geht immer weiter. Wobei ich das „nie“ noch diskutieren werde.
In den VPU’s werden also die Körper aller Menschen ab dem 30. Lebensjahr nicht mehr altern. Es gibt also nur Kinder, Jugendliche und 30-jährige, aber keine älteren Menschen. Was natürlich zu einer ganz anderen Gesellschaft führt, ich will das aber nicht weiter vertiefen.
Chantal startet in dem VPU, das am 13. September 2009 beginnt, als 9-jährige. Aber wie schon festgestellt, entwickeln sich die VPU’s und die echte Realität schnell auseinander. Es ist also möglich, dass sich jetzt Kevin und Chantal verlieben und heiraten, was im ersten irdischen Leben nicht der Fall war. Gibt es die ewige Ehe? „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist ja in den VPU’s ohne Bedeutung. Lassen wir die Frage offen.
Das zweite VPU mit Kevin und Chantal startet am 17. Dezember 2021. Da ist Chantal zwar bereits verheiratet, aber noch nicht geschieden. Die Ehe ist unglücklich und die Aussicht auf ein ewiges Leben zusammen mit Maximilian führt zur sofortigen Scheidung. Was wieder die unterschiedliche Entwicklung zwischen dem ersten Leben und dem Leben in den VPU‘s zeigt.
Zum Schluss noch das dritte VPU, in dem Kevin und Chantal als alte Menschen starten. Der einzige wichtige neue Aspekt ist, dass sie beide sofort einen 30-jährigen Körper bekommen.
Alle VPU’s entwickeln sich immer weiter und keiner in ihnen stirbt, jeder hat die ewige Jugend. Aber enden sie wirklich nie? Haben wir tatsächlich das ewige Leben? Es gibt Risiken und eine definitive Grenze. Zunächst zu den Risiken. Wir sind im neuen Leben auf Gedeih und Verderb den Menschen in der echten Realität ausgeliefert. Sie könnten irgendwann die virtuelle Realität für immer abschalten, dann hört selbstverständlich unser neues Leben auf. Oder sie könnten vernichtet werden, beispielsweise durch einen Meteoriten oder einen Atomkrieg.
Die Intensität der Sonnenstrahlung nimmt ständig zu. Das ist zwar ein sehr langsamer Prozess, aber in 2-3 Milliarden Jahren werden alle Ozeane verdampfen und auf der Erde wird kein Leben mehr möglich sein. Eine Umsiedlung auf den Mars würde helfen, aber auch nur zeitlich begrenzt. Denn in etwa 5 Milliarden Jahren wird die Sonne dann zu einem Roten Riesen, dehnt sich immer mehr aus, verschlingt die sonnennächsten Planeten Merkur und Venus und macht auch ein Leben auf dem Mars unmöglich. Es könnte natürlich sein, dass wir bis dahin andere Sonnensysteme besiedelt haben, so dass das für unser ewiges Leben keine Grenze darstellt.
Aber es existiert eine unüberwindliche Grenze, denn irgendwann gibt es gar keine aktiven Sonnen mehr im Universum, irgendwann wird daher jede Aktivität erloschen sein. Dann ist definitiv Schluss mit dem diesseitigen Leben nach dem Tod. Wer ein wirklich ewiges Leben will, dem bleibt nur die Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits gemäß den Religionen.