Wie unser menschliches Bewusstsein entsteht

Zunächst eine kurze Wiederholung des Grundprinzips des Bewusstseins: Jedes sich bildende Atom oder Molekül hat im Moment der Bildung einen kurzzeitigen Bewusstseinsblitz. Es erlebt die von der entsprechenden inneren Natur gelieferte Information, die in ihm auftaucht und die räumlichen Beziehungen zwischen seinen Bestandteilen organisiert. Jeder Bewusstseinsblitz entsteht genau an der Grenze zwischen der räumlichen und der nicht-räumlichen inneren Welt. Er hat daher sowohl einen räumlichen als auch einen nicht-räumlichen Charakter. Wie wir gleich sehen werden, ist das ganz entscheidend für die Erklärung des menschlichen Bewusstseins.
Überall in unserem Körper werden ständig Moleküle in unermesslicher Zahl gebildet. Denn jede biochemische Reaktion bedeutet die Bildung von Molekülen. Jede dieser Bildungen führt zu einem Bewusstseinsblitz, verbunden mit einem Mikro-Erleben. Daher sollten wir ein Ganzkörper-Bewusstsein haben. Aber unser Bewusstsein ist auf das Gehirn konzentriert. Das ist das Dominanz-Problem. Auch das Kombinations-Problem muss gelöst werden. Also wie sich die vielen Mikro-Erleben zu unserem einheitlichen menschlichen Erleben vereinigen. Tatsächlich ist das Kombinations-Problem zweigeteilt. Hierzu ein einfaches Beispiel: Sie sehen vor sich auf dem Tisch eine rote Kugel und einen blauen Würfel liegen. Dann werden im Gehirn vier Module aktiv: „Rot“, „Blau“, „Kugel“ und „Würfel“. „Rot“ und „Kugel“ werden integriert, erlebt wird die „rote Kugel“. Obwohl die beiden Module räumlich voneinander getrennt sind. Gleiches gilt für „Blau“ und „Würfel“. Aber es kommt auch zur Differenzierung, denn die rote Kugel und der blaue Würfel werden getrennt wahrgenommen. Daher sagte ich eben, dass das Kombinations-Problem zweigeteilt ist. Es gilt erstens zu klären, wie es zur Integration kommt und zweitens, was die Differenzierung bewirkt. Wir müssen also insgesamt drei Probleme lösen.
Im letzten Abschnitt haben wir das Bewusstseins-Netzwerk kennengelernt. Sein entscheidendes Kennzeichen ist das zeitlich abgestimmte Feuern seiner Neuronen. Wie ich jetzt erläutern werde, stellt das, in Kombination mit dem Grundprinzip des Bewusstseins, den Schlüssel zur Lösung aller drei Probleme dar.
Zweifellos spielt das Feuern der Neuronen eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Bewusstseins aus dem Bewusstseins-Netzwerk. Wir müssen also nach Molekülen suchen, deren Bildung in engem Zusammenhang mit dem Feuern steht. Da drängt sich etwas auf: die Synapsen. Wie schon erläutert, sitzen sie zwischen den Axonen und den Dendritenzweigen. Es sind kleine Verdickungen mit einem Spalt. Es gibt sie in riesiger Zahl, auf ein Neuron kommen etwa 1000 Synapsen.
Trifft ein auf einem Axon entlanglaufender elektrischer Impuls auf eine von ihnen, so kann er sie aufgrund des Spalts nicht überwinden. Er setzt aber kleine Moleküle frei, die sogenannten Neurotransmitter. Diese durchqueren den Spalt und docken auf der anderen Seite an riesige Proteine, die Rezeptormoleküle, an. Das Andocken eines Neurotransmitters an ein Rezeptormolekül löst im Dendritenzweig eine elektrische Erregung aus, die sich weiter fortpflanzt in Richtung Zellkörper. So hat der auf die Synapse auftreffende elektrische Impuls den Spalt letztlich doch überwunden.
Wichtig: Das Andocken des Neurotransmitters bewirkt die Neubildung des Rezeptormoleküls. Denn der angedockte Neurotransmitter führt zu einem vergrößerten Rezeptormolekül, das eine andere Form hat als das ursprüngliche. Diese veränderte Form löst zahlreiche Effekte aus. Der wichtigste ist die elektrische Erregung im Dendritenzweig.
Wir müssen drei Probleme lösen: Erstens, warum das Erleben des Bewusstseins-Netzwerks in unserem Erleben dominiert. Zweitens, warum es die Integration und drittens, warum es die Differenzierung gibt.
Betrachten wir jetzt einen Menschen, nennen wir ihn Hugo, der eine rote Kugel vor sich liegen sieht. Vereinfachen wir die Situation und sagen, dass Hugos Bewusstseins-Netzwerk nur aus zwei Modulen besteht, dem für „Rot“ und dem für „Kugel“. Er nimmt also nur die rote Kugel wahr, er erlebt nichts Anderes.
Die Module „Rot“ und „Kugel“ sind im Gehirn zwar räumlich getrennt, aber alle Neuronen in beiden Modulen feuern synchron, geben ihre elektrischen Impulse also immer zur exakt gleichen Zeit ab. Nehmen wir an, das geschieht im Abstand von 100 Millisekunden. Das führt dazu, dass sich in ihren Synapsen alle 100 Millisekunden eine riesige Zahl von Rezeptormolekülen gleichzeitig neu bildet. In den Modulen „Rot“ und „Kugel“ kommt es daher alle 100 Millisekunden zu sehr vielen gleichzeitigen Bewusstseinsblitzen.
Wie erläutert, haben sie sowohl einen räumlichen als auch einen nicht-räumlichen Charakter. Ihr räumlicher Charakter bewirkt, dass sie im Gehirn lokalisiert sind. Ihr nicht-räumlicher Charakter verhindert ihre Trennung. Hugo erlebt daher „Rot“ und „Kugel“ nicht nur gleichzeitig, er erlebt sie auch als eine Einheit, also als „rote Kugel“. So erklärt sich die Integration, eines der drei Probleme ist damit gelöst.
Warum nimmt Hugo die rote Kugel kontinuierlich wahr? Wenn doch die geballten Bewusstseinsblitze im Abstand von 100 Millisekunden auftreten. Weil er nur die Bewusstseinsblitze wahrnimmt. Lücken zwischen ihnen werden zwangsläufig nicht wahrgenommen.
Jetzt soll Hugo zwei Objekte betrachten, eine rote Kugel und einen blauen Würfel. Sein Bewusstseins-Netzwerk umfasst dann vier Module. Für den blauen Würfel gilt bzgl. der Integration natürlich das, was ich eben über die rote Kugel gesagt habe. Aber jetzt kommt der Aspekt der Differenzierung hinzu. Denn Hugo erlebt die rote Kugel und den blauen Würfel getrennt. Hierfür ist das zeitlich abgestimmte Feuern der Neuronen des Bewusstseins-Netzwerks verantwortlich. Die Neuronen in den Modulen „Rot“ und „Kugel“ feuern synchron alle 100 Millisekunden. Gleiches gilt für die Module „Blau“ und „Würfel“, auch sie feuern synchron alle 100 Millisekunden. Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt: „Rot und Kugel“ und „Blau und Würfel“ feuern zeitlich zueinander versetzt. Nehmen wir an, um 50 Millisekunden versetzt. Wenn um exakt 12 Uhr mittags die Module „Rot“ und „Kugel“ feuern, dann feuern die Module „Blau“ und „Würfel“ 50 Millisekunden später, weitere 50 Millisekunden später feuern wieder „Rot“ und „Kugel“. Und so weiter.
Das bewirkt, dass Hugo die rote Kugel und den blauen Würfel zu unterschiedlichen Zeitpunkten erlebt, daher nimmt er sie getrennt wahr. Anderseits erlebt er beide kontinuierlich, da es ja kein Erleben der Lücken gibt. Beides zusammen führt dazu, dass die rote Kugel und der blaue Würfel im Erleben von Hugo nebeneinanderliegen. So löst sich das Problem der Differenzierung.
Bleibt das Dominanz-Problem. Wenn das Bewusstseins-Netzwerk nur aus den im Abstand von 50 Millisekunden feuernden vier Modulen „Rot“, „Kugel“, „Blau“ und „Würfel“ bestünde, dann gäbe es genügend große Lücken für das Auftauchen von sehr vielen anderen Bewusstseinsblitzen, bewirkt von Bildungen von Molekülen außerhalb des Bewusstseins-Netzwerks. Tatsächlich aber ist in ihm eine riesige Zahl von Modulen aktiv, die in äußerst geringen zeitlichen Abständen geballte Bewusstseinsblitze bewirken. Dadurch spielen alle anderen Bewusstseinsblitze nur eine völlig untergeordnete Rolle.
Sie betrachten den wolkenlosen Nachthimmel und sehen eine unermessliche Zahl von Sternen, die offensichtlich sehr weit entfernt sind. Aber das imposante Schauspiel ist eine Konstruktion ihres Gehirns und das Erleben findet in ihm statt. Wie anders als mit Information, die sowohl einen räumlichen als auch einen nicht-räumlichen Charakter besitzt, lässt sich das erklären? Denn erst die Mischung aus beiden Charakteren macht es möglich, dass uns etwas zwar räumlich erscheint, aber die enthaltenen Objekte, also im Falle des Nachthimmels die Sterne, sich in beliebig großen Entfernungen zu befinden scheinen. Was besonders eindrucksvoll die Plausibilität der Erklärung des Bewusstseins mittels der aus den inneren Naturen austretenden Informationen zeigt.
Anschaulich gesprochen kann man sich das menschliche Gehirn als einen Ozean aus chaotisch feuernden Neuronen vorstellen, aus dem eine Insel herausragt. Die stellt das Bewusstseins-Netzwerk dar, in dem die Neuronen geordnet, also zeitlich abgestimmt, feuern. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit über das Bewusstseins-Netzwerk. Denn es gibt ja auch noch die Gefühle. Auch sie gehören zum Bewusstsein. Allerdings sind sie weit weniger strukturiert, stellen bildlich gesprochen den Strand der Insel dar und der befindet sich zwischen der Ordnung der Insel und dem Chaos des Ozeans. Also kein völlig chaotisches Feuern, aber auch keine perfekte zeitliche Abstimmung. Genau das erzeugt im Bewusstsein die Gefühle. Sie sind eng mit dem Körper verbunden und bestimmen im hohen Maße unser Verhalten. Negative Gefühle wie Schmerz, Angst oder Hunger versuchen wir zu vermeiden beziehungsweise schnellstmöglich abzustellen. Positive Gefühle, wie zum Beispiel Verliebtsein, versuchen wir hingegen möglichst lange aufrecht zu erhalten. Die enge Verbundenheit der Gefühle mit dem Körper bedeutet, dass wir sie bei anderen Menschen in der Regel erkennen können. Wenn Ihre Freundin Susanne Ihnen mitteilt, dass ihre Eidechse Robert verstorben ist und sie dabei in Tränen ausbricht, dann ist völlig klar, dass in Susanne das Gefühl der Traurigkeit dominiert.